Michael Braun, Besprechung der ersten Mütze im Tagesspiegel vom 5. August 2012

Für eine Wieder­auf­er­stehung poeti­scher Energien sorgt die über­raschendste Zeit­schriften-Neu­gründung dieser Tage. Nach zwanzig Jahren hat der Schweizer Lyrik-Editor Urs Engeler seine exzellente Poesie-Zeit­schrift „Zwischen den Zeilen“ einge­stellt. Zum Glück hat er jedoch eine her­vor­ragende Alter­native parat: Urs Engelers neue Zeit­schrift nennt sich Mütze“ – und diese neue „Mütze“ setzt man sich gerne auf, belebt sie doch den Kopf mit auf­regenden Texten. Ein poeti­scher Essay von Werner Hamacher thema­ti­siert die Ver­bindung von Sprache und Feuer. Bereits in der Genesis kam die Sprache der Offen­barung ja aus dem Feuer – aus dem bren­nenden Dornbusch sprach Gott zu Moses. In der „Mütze“ finden sich noch weitere Texte, die brennen: Eine erste Über­set­zungs­probe eines radikal obszö­nen Epos des franzö­si­schen Avant­gar­disten Pierre Guyotat. Krieg und Begehren, Gewalt und Sexua­lität werden hier ver­bunden wie einst in den Schrif­ten des Philo­sophen Georges Bataille. Hinzu kommen noch Gedichte von Simone Kornappel und Tim Turnbull, letztere in der hervor­ragenden Über­setzung von Dagmara Kraus. Was in den kommenden Aus­gaben der Zeit­schrift folgt, sagt der Titel eines Lyrik­bands von Ernst Jandl. Er lautet: „Die Bearbeitung der Mütze.“

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