Meinolf Reul, Besprechung der Mütze #1 auf dem Hotlist-Blog

Mineur und Muetzeur. Urs Engeler sprengt neue Gänge in den Parnass: Die MÜTZE # 1

muetzeurs – was wie ein französischer Plural aussieht, ist zu lesen als Mütze, Urs. Mütze hat Urs Engeler seine neue Zeitschrift getauft, die nach zwanzig Jahren voller Staunen die „Zeitschrift für Gedichte und ihre Poetik“ Zwischen den Zeilen ablöst, die legendär zu nennen ich nur deswegen zögere, weil es vielleicht eher Urs Engeler selbst ist, dem dies Prädikat zuzusprechen ist. Der in Solothurn ansässige Verleger hat sich als sicherer Kantonist in der Welt der Literatur bewährt. Es ist noch nicht lange her, da überraschte er mit einem Reihenkonzept, das jedenfalls mich in seiner kühnen gestalterischen Reduktion und Radikalität an Willy Fleckhaus‘ Geniestreich Nr. 2, die edition suhrkamp, erinnerte – die roughbooks waren (und sind) ein Wurf. Nun also die Mütze, die sich, anders als Zwischen den Zeilen, nicht ausschließlich der Poesie widmet, sondern auch die Prosa berücksichtigt. In der Startnummer kommt sie in drei Versionen vor.

Das delirierende „Brouillon [Entwurf, Skizze, Konzept, Anm. urmel] zu einer Phantasie über Feuer und Sprache“ von Werner Hamacher eröffnet das Heft. Dieser, neutral gesagt, hochmütige Gruß an den belgischen Schriftsteller Jean Daive (geb. 1941) ist nicht dumm, keineswegs, aber er versucht etwas Unmögliches, nämlich die Sprache mit Hilfe der Sprache zu überwinden. Fünf unerträgliche Seiten, virtuos gefügt, haarfeine Sätze, ins Innerste des Innersten vordringend, eine Zündschnur, ein Brand.

Eine Zumutung anderer Art ist der monströse Text von Pierre Guyotat (geb. 1940), Auszug aus dessen 1967 erschienenem Buch Grabmal für fünfhunderttausend Soldaten, das in der Übersetzung von Holger Fock bei Diaphanes erscheinen wird (2013). Die Mütze bietet einen Auszug, voller Grausamkeit und Schrecken, aus dem ersten von sieben „Gesängen“.

Im Zusammenhang mit einem anderen skandalösen Buch der französischen Literatur schrieb Elisabeth Lenk:
„Eine künstlerische Phantasie, die die in einer Gesellschaft vorhandenen destruktiven Tendenzen auskomponierte, noch ehe sie historisch wirksam würden, wäre […] lebenswichtig. Dies will jedoch die praktische Moral der Gesellschaft nicht wahrhaben. Kaum wird die Bestialität, die sie als latente, jederzeit kollektiv mobilisierbare Möglichkeit in sich trägt, ihr durch die Kunst vorgeführt, fühlt sie sich verletzt.“

Eden, Eden, Eden, der 1970 erschienene vierte Roman Guyotats, wurde verboten.

Und noch ein Skandalon, dies Mal verlagspolitischer Natur.
Günter Plessow hat Faulkners Absalom, Absalom! (1936) neu übersetzt. Aus rechtlichen Gründen darf Plessows Übersetzung, die sich „besonders darum bemüht, Faulkners harsche Syntax nicht zu glätten“, nicht veröffentlicht werden. Auf dem Markt nach wie vor nur die angejahrte Erstübersetzung von Hermann Stresau (von 1938).

Und Engeler? Kreuzt die Finger, respektiert das Verbot und druckt eine 20seitige Textexegese Plessows, die „nur vorzuführen versucht, wie Faulkner einen Spannungsbogen anlegt“. Das ist sehr interessant und macht Lust auf das Buch – und auf die Fortsetzung der (mit Rolf Vollmann zu sprechen) Plessowschen Romanverführung.

„Hier brechen wir ab. Für diesmal.“

Die Wiederbegegnung mit dem ebenso brillanten wie witzigen Tim Turnbull, dessen Gedichte, in Auswahl, 2010 unter dem Titel Es lebt als roughbook #1 erschienen sind, ist ein Grund mehr, die Mütze freudig zu begrüßen. Hier gibt’s sieben neue Gedichte, übersetzt von Dagmara Kraus, die zuletzt mit einem eigenen Gedichtband, kummerang, hervorgetreten ist und auch als kongeniale Übersetzerin von Miron Białoszewski ihre Visitenkarte abgegeben hat. Wie sie hier – um nur zwei klitzekleine Beispiele zu nennen – „Fat Willy’s House of Mirth“ mit „Fettis Freuhaus“ und, kess, „The boss / packs up her bags“ mit „Die Bössin packt ihr Zeug / zusammen“ übersetzt, ist ebenfalls ganz wunderbar. Turnbull kann sich nicht beklagen über seine deutsche Stimme. Die Zitate sind dem Gedicht „On Comedy“ / „Komödie“ entnommen, einem der stärksten. Hervorzuheben auch, und passend zum jüngst (19.9.) gefeierten 25. Geburtstag des Smiley-Emoticons, das Gedicht „Smile“: „I question your intelligence and taste / but add, to show that it was done in jest, / a little animated smiley face.“

Turnbulls Gedichte schreiben klassische Formen fort und machen sie zugleich vergessen. Ganz anders Simone Kornappel. Ihre Gedichte „cellophon“, „pardon et al“ und „muxmäuschen“ können, bezogen auf die technoid anmutende graphische Darstellung, als Computertexte bezeichnet werden. Mit den Herzen und Sanduhren der barocken Figurendichtung haben sie nichts gemein. Wollte man überhaupt nach phänotypischen Ahnen in der Vergangenheit suchen – man würde eher bei M. C. Escher oder in der Op-Art fündig werden.

„cellophon“, ebenso wie „pardon et al“ tetraederförmig angeordnet, ‚beschreibt‘ eine Konzertsituation.
„flügel / türen. […] dahinter / staut sich anstand. beine. artig überschlagen. / dürers handapparat d. h. applaus[.]“, überblendet Kornappel Dürers Betende Hände mit den applaudierenden Händen des Konzertpublikums – ein satirischer Kommentar zur Musikfrömmigkeit des gebildeten Bürgertums (oder was davon übrigblieb, von der Musikfrömmigkeit, vom Bürgertum, von der Bildung). Die „flügel / türen“ werden nicht nur deswegen auf diese Weise aufgeklappt, um sie mit den Mitteln des Gedichts und seiner Typographie ‚abzubilden‘, sondern das Wort oder der Wortbestandteil „flügel“ zitiert auch das bürgerliche Instrument par excellence, das Klavier. Vielleicht meint „pneumatik der gesten“ das Heben der Arme eines Pianisten?

Die Celli – das titelgebende „cellophon“ klingt an das Kolophonium an, mit dem die Rosshaare des Bogens bestrichen werden, damit er gut über die Saiten fährt – werden ihrer weiblichen Form wegen als „mädchen“ bezeichnet: „in den cellokoffern. rumor […] / fliegen deckel auf. die mädchen / treten aus dem innern.“ Und später: „rücklings fallen peu à peu / die mädchen sachte in / die koffer.“
Das ist luftig, hat Poesie, doch gibt es auch die harten Konturen stark vergrößerter und verlangsamter Bildsequenzen: „beifall. arme. / flimmerhaare. / in bewegung / abgeworfenes an blumen.“

Innovativ scheint mir an Kornappels Gedichten vor allem zweierlei. Zum einen die von ihrer geometrischen Form bedingte variable Gestaltung der Verslänge. Zum anderen, teilweise damit zusammenhängend, eine Öffnung der eingefahrenen Textwahrnehmung des Lesers, ein Schrauben an der Lese(vor)richtung.

Kornappel trägt ein aleatorisches Prinzip in ihre Texte, das gleichzeitig konstruktiv und dekonstruktiv ist, wenn z. B., wie in „muxmäuschen“, die Versorganisation (in Form eines Plattentellers) so ist, dass der Leser die Freiheit hat, „die nadel nur an immergleicher stelle anzusetzen“, nämlich vom fett gedruckten Titel ausgehend lesend, oder aber sie – sprich: das Auge – tanzen zu lassen, nur einzelne Segmente abzuspielen, oder gar da zu beginnen, wo die Musik zu Ende ist und in das „stillstillstill“ der Auslaufrille mündet.

Bei luxbooks wird demnächst Simone Kornappels erstes Buch, Raumanzug, erscheinen. Bis es soweit ist, empfehle ich die drei spacigen Gedichte in der Mütze

Bestellen können Sie die Mütze hier.

Mütze #2 ist da

2mutze

Das zweite Heft. Es ist die Fortsetzung des ersten, seine Vertiefung und seine Erweiterung. Zumindest ist das der Plan, von Heft zu Heft: den Spuren folgen, den Abzweigungen, Verzweigungen, das ist (fast) der einzige konzeptuelle Gedanke hinter der “Mütze”. Alles weitere ergibt sich unterwegs. So hätte ein wesentlicher Teil des zweiten Heftes das Ende des ersten Kapitels von William Faulkners “Absalom, Absalom!” in der Übersetzung von Günter Plessow sein sollen, dessen erster Teil in der ersten “Mütze” steht. Günter Plessows Befürchtung, sich Schwierigkeiten mit den Rechteinhabern einzuhandeln, liess ihn davon wieder Abstand nehmen. Das ist sehr schade, aber seine Gründe sind zu respektieren, auch wenn ich mir wünschte, dass der Rowohlt Verlag und der Diogenes Verlag, zwischen denen (so immerhin die Aussage von einer der beiden Seiten) die Rechte für eine Wiederveröffentlichung blockiert liegen, Respekt zeigten: Respekt vor dem Autor William Faulkner, Respekt vor einem grossen Roman, Respekt vor der übersetzerischen Leistung eines Menschen, der aus freien Stücken, einfach aus Begeisterung, ein paar Jahre seines Lebens an diese Neuübersetzung gegeben hat, und nicht zuletzt Respekt vor den Leserinnen und Lesern, denn es sind nicht wenige, die ihnen die Veröffentlichung von “Absalom, Absalom!” oder die Freigabe der Rechte zur Veröffentlichung in einem andern Verlag danken würden. Wir bleiben dran.
Auch ein zweiter Plan, Pierre Guyotat betreffend, hat sich, zumindest für dieses zweite Heft, zerschlagen. Die Reaktionen auf die Veröffentlichung des ersten Kapitels aus “Grabmal für fünfhundertausend Soldatenin der ersten “Mütze” fielen zum Teil heftig aus, einige Leserinnen fühlten sich irritiert und wünschten sich, dass ich die Veröffentlichung dieses Textes von Pierre Guyotat rechtfertige. Die Erklärung, die mir die liebste wäre, nämlich die Vermittlung und die Veröffentlichung weiterer Texte aus dem grossen Werk von Pierre Guyotat, damit seine Antriebe und Ziele deutlicher verständlich werden, muss ich späteren Heften der Mütze anvertrauen. Auch da bleibe ich dran.
Zwei Anfänge also, deren Fortsetzung der Zukunft zufällt. Ich bin nicht minder froh, dass die Gegenwart der zweiten “Mütze” jetzt statt aus Plänen aus eher zufällig zusammengekommenen Texten besteht: aus einem Auszug aus einem Buch von Rosmarie Waldrop über Edmond Jabès, aus Gedichten von Antonio Rossi, aus der Prosa von Marius Daniel Popescu und aus den nachgelassenen Gedichten von Wolfgang Schlenker.

Wolfgang Schlenker / bruder morpheus. Nachgelassene Gedichte I

Schlenker

Genau vor einem Jahr, im September 2011, nahm sich Wolfgang Schlenker das Leben. Sein Gedichtband “doktor zeiterschien postum als roughbook020. Dieses Buch, das mittlerweile bereits wieder vergriffen ist, stiess auf grosses und sehr warmes Echo. Ich bin auch deshalb sehr froh darüber, dass mir Ilka Heinrigs, mit der Wolfgang einen Sohn hat, kurz nach der Veröffentlichung von “doktor zeit” ein Konvolut mit weiteren nachgelassenen Gedichten schickte, die jetzt jetzt unter dem Titel “bruder morpheus” in der zweiten (und dritten) Mütze erscheinen können. Es ist schwer, diese Gedichte nicht vom Tod her zu lesen. Das “jetzt” der Gedichte, “jetzt zeit haben”, und Wolfgangs Tod, das macht ihre Obertöne noch hörbarer: “ab einer bestimmten schwelle / kann heilung nachteilig sein”. In der Beiläufigkeit, in der diese Gedichte sprechen, stehen Sätze wie “auch das wetter ist nur zu besuch” als kleine Blitzlichtgewitter am Horizont. Vielleicht wie in dem Gedicht “interview mit parmenides”:

nichtigkeiten für die im alltag niemand
einen blick übrig hätte
bekommen über den zusammenhang
in den sie gestellt weden
plötzlich eine beliebige evidenz

Dass es “nichtigkeiten” sind oder weisheiten – wer weiss. Dieses Gedicht jedenfalls beschreibt, wie mir das Lesen von Wolfgang Schlenkers Gedichten vor dem Horizont seines Todes erscheint. Es sind Gedichte ohne Satzzeichen bis auf den Punkt am Schluss.

Marius Daniel Popescu / Die Wolfssymphonie, aus dem Französischen übersetzt von Michèle Zoller

Popescu

La Symphonie du loup erzählt von einer Kindheit und Jugend unter der sozialistischen Diktatur in Rumänien. Popescus Sprache ist von hoher Intensität und Direktheit, alles ist hier wichtig: der Vater, die Mutter, die Grossmutter, der Grossvater, die Freunde und Dorfbewohner, aber auch die kleinen und die grossen Details wie die Kirschbäume im Garten der Grossmutter, die mit Zucker bestreute Brotscheibe, der Fluss, in dem der Junge gerade Fische fängt, als er durch seine Grossmutter vom Tod des Vaters erfährt, die Zigeuner und die Ballone, die sie den Kindern im Tausch gegen Leergut geben, eine Fahrt in die Stadt auf dem Trittbrett des Zuges und das Verenden eines Pferdes, das zur Rache an seinem Besitzer mit den Hufen auf eine Eisenplatte geschweisst wird. Es ist ein Buch von extremer Kraft und nicht minder inniger Zartheit. Bevor es in der Übersetzung von Michèle Zoller im Frühling 2013 im Engeler-Verlag als Buch erscheinen wird, bringe ich hier einen längeren Abschnitt. Marius Daniel Popescu lebt in Lausanne, wo er die literarische Zeitschrift “le Persil” herausgibt und einen Linienbus fährt.

Antonio Rossi / 7 Gedichte

Rossi

Die italienischen Gedichte von Antonio Rossi und ihre Übersetzung durch Cornelia Wurzel sprechen am besten durch ihre Selbstbeschreibung: Nodi e cappi che sempre / si sfilano dopo l’ostinato / uso e miscugli come / esplosi non vagano / in corsie o guardaroba / finché per nascosto / motivo svincolati / essi sono sull’isolante / una stravolta compagine superabile / con sussulto fra le aste / ritorte o spalancate. // Knoten und Schlingen die sich immer / wieder ausfädeln nach dem beharrlichen / Gebrauch und Mischungen beinahe / explodiert ziehen nicht / durch Gänge oder Garderoben / bis sie aus verborgenem / Grund losgemacht / auf Isoliermaterial ein verstörtes / Gefüge sind überwindbar / mit einem Zucken zwischen gedrehten / oder ausgebreiteten Stäben

Rosmarie Waldrop / Reiche Abwesenheit: Edmond Jabès, erinnert und wiedergelesen

Waldrop

Rosmarie Waldrop, die viele von Edmond Jabès Büchern ins Amerikanische übertragen hat, erzählte mir einmal, dass es Jean Daives Buch über seine Begegnungen und seine Arbeit mit Paul Celan, “Sous la coupole”, gewesen war, das ihr die Möglichkeit eröffnete, über ihre Beschäftigung mit Edmond Jabès zu schreiben. (Waldrop hat Jean Daives “Sous la coupole” schliesslich auch in ihrer “Serie d’Ecriture: Current French writing in English translation” bei Burning Deck als #22 veröffentlicht. Ihr Buch “Lavish Absence: Recalling and Rereading Edmond Jabèsist deshalb ein in mehrfacher Hinsicht sehr persönliches Buch. Rosmarie Waldrop schreibt in einer Jabès gemässen Weise, sie schreibt in Bruchstücken, in kleinen Erzählungen und Anekdoten, in Reflexionen und Betrachtungen über ihre Begegnungen mit dem Menschen Jabès und dem, was sein Leben als Text bedeutet, und dem, was sein Text für unsere Leben bedeuten kann. Rosmarie Waldrop schreibt und beschreibt mit Edmond Jabès, was es heisst, zu leben und zu schreiben. „’Du bist derjenige, der schreibt und der geschrieben wird’“, steht am Anfang des Buches der Fragen. Angesichts einer unentzifferbaren Welt brechen wir auf, Sprache zu schaffen, einen Ort, an dem menschliche Rede auftauchen kann und wir als menschliche Wesen zu existieren beginnen; wo wir, zugleich, eine Beziehung unterhalten können zu dem, was uns übersteigt, zum Unentzifferbaren, dem ultimativ Anderen, zu dem wir als dem Namen Gottes sprechen.” Ich habe die ersten Seiten von Rosmaries Buch “Lavish Absence: Recalling and Rereading Edmond Jabès” übersetzt.