Wolfgang Schlenker / bruder morpheus. Nachgelassene Gedichte I

Schlenker

Genau vor einem Jahr, im September 2011, nahm sich Wolfgang Schlenker das Leben. Sein Gedichtband “doktor zeiterschien postum als roughbook020. Dieses Buch, das mittlerweile bereits wieder vergriffen ist, stiess auf grosses und sehr warmes Echo. Ich bin auch deshalb sehr froh darüber, dass mir Ilka Heinrigs, mit der Wolfgang einen Sohn hat, kurz nach der Veröffentlichung von “doktor zeit” ein Konvolut mit weiteren nachgelassenen Gedichten schickte, die jetzt jetzt unter dem Titel “bruder morpheus” in der zweiten (und dritten) Mütze erscheinen können. Es ist schwer, diese Gedichte nicht vom Tod her zu lesen. Das “jetzt” der Gedichte, “jetzt zeit haben”, und Wolfgangs Tod, das macht ihre Obertöne noch hörbarer: “ab einer bestimmten schwelle / kann heilung nachteilig sein”. In der Beiläufigkeit, in der diese Gedichte sprechen, stehen Sätze wie “auch das wetter ist nur zu besuch” als kleine Blitzlichtgewitter am Horizont. Vielleicht wie in dem Gedicht “interview mit parmenides”:

nichtigkeiten für die im alltag niemand
einen blick übrig hätte
bekommen über den zusammenhang
in den sie gestellt weden
plötzlich eine beliebige evidenz

Dass es “nichtigkeiten” sind oder weisheiten – wer weiss. Dieses Gedicht jedenfalls beschreibt, wie mir das Lesen von Wolfgang Schlenkers Gedichten vor dem Horizont seines Todes erscheint. Es sind Gedichte ohne Satzzeichen bis auf den Punkt am Schluss.

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