Wolfgang Schlenker / bruder morpheus. Nachgelassene Gedichte II

Mit drei Gedichten schliesst Wolfgang Schlenkers Manuskript „bruder morpheus“, das er uns mit seinem Freitod 2011 hinterlassen hat. Danke, Bruder Wolfgang. Schlaf ruhig.

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Jean-René Lassalle und Franz Josef Czernin / Quadratgedichte

Lassalle

Quadratförmiges Format haben die Sätze von Jean-René Lassalle, die Mai 2012 als “Poèmes, carrés” in den Éditions Grèges in Montpellier erschienen sind. Ihren doppelten (deutschen) Boden verdanken sie Franz Josef Czernin und dem deutsch-französischen Autorenbegegnungs- und Nachdichtungsprojekt NORD-SÜD-PASSAGE. Mütze #3 bringt 10 der Quadratgedichte von Jean-René Lassalle im französischen Original und der deutschen Übersetzung von Franz Josef Czernin.

Ulrich Schlotmann / Die Hub-, Schub- und Zugkräfte der Statik Band Eins

Schlotmann

Bis Ulrich Schlotmann ein neues Buch veröffentlichen wird, könnte es etwas länger dauern. Sein letztes sind die monumentalen “Freuden der Jagd”: ein Buch ohne jeden Vergleich, ganz singulär und uneingebildet state of a future art. Schlotmanns Tastatur hat ein paar Tasten mehr. Das Gute an diesem Umstand ist: es gibt uns Lesern Zeit, die “Freuden der Jagd” zu lesen, bevor wir uns in etwa 15 Jahren den “Hub-, Schub- und Zugkräften der Statik Band Eins” zuwenden, aus denen die Mütze jetzt schon mal einen Auszug bringt.

Jayne-Ann Igel / Umtriebe

Igel

Eine der Aufgaben von Mütze ist es, die Veröffentlichungen “meiner Autoren” in ihrer Nach-Engeler-Zeit etwas zu begleiten durch Hinweise auf ihre Texte. 2013 wird einige Neuerscheinung ehemaliger Engeler-Editor-Autoren bringen. Den Auftakt macht Jayne-Ann Igel mit dem Band “Umtriebe”, Nummer 15 in der Reihe Black Paperhouse im Gutleut Verlag Frankfurt am Main und Weimar, herausgegeben von Bert Papenfuß und Sascha Anderson. Der Band versammelt kleine Prosastücke, aus denen ich für Mütze einige ausgewählt habe: hellhörige Reisen ins alltägliche Abseits und Nachrichten aus einem Zwielicht überscharfer Wahrnehmung und Mangelwirtschaft.

Mütze #3 ist da

Mutze3

Die dritte Mütze untersucht die Hub-, Schub- und Zugkräfte von Sätzen. Bruno Steiger: „Wären Sätze Bilder, würden Bilder zu Metaphern.“ Ulrich Schlotmann: „Bald aber schon schoben komische Gestalten in groben Karo-Kotzen auf klapprigen Schindmähren durchs Land und fochten einen schier aussichtslos scheinenden Kampf gegen Windmühlen.“ Donald Barthelme: „Oder ein langer Satz, der sich in einer bestimmten Geschwindigkeit auf der Seite bewegt und sich dem unteren Teil nähert – wenn nicht dem unteren Teil dieser Seite, dann dem einer anderen –, wo er ausruhen oder einen Moment innehalten kann, um sich die Fragen zu überlegen, die seine eigene (temporäre) Existenz hervorrufen, welche endet, wenn die Seite umgeblättert wird oder aus dem Bewusstsein rutscht, das ihn (temporär) in einer Art Umarmung festhält, nicht unbedingt einer leidenschaftlichen, vielleicht eher einer, die …“ Jayne-Ann Igel: „… bis die abendbrotzeit herangerückt und wir am tisch im schlagschatten der kommode die belegten brote verzehrten – alles schien zur ruhe gekommen und in eine ordnung gefügt, die unbestimmt“ Ron Winkler: „es war spät jetzt, spät. der Pioniermund gähnte die dritte oder vierte Strophe Nacht. und es war Frieden, friedlich. hinter der Augenrändergrenze wuchsen die Träume, wuchsen Träume nach.“ Jane Hirshfield: „Old shoes, old roads — the questions keep being new ones.“ Wolfgang Schlenker: „diese regeln gehen quer durch die leute wie ein gesellschaftsspiel namens ‘schrottplatz der liebe’“ Jean-René Lassalle: „dans une fiction lui envoie le message : le réel ne répond pas. mais je te dis de copier cette phrase : c’est une voix que tu copies pas moi qui parle à qui.“

Michael Braun, Besprechung der zweiten und dritten Mütze im Saarländischen Rundfunk – Literatur im Gespräch vom Dezember 2012

Wenn man heute in Literaturzeitschriften nach radikaler und auch sub­stantieller Dichtung im Geiste der Avant­garde Ausschau hält, muss man an die Ränder gehen, hin zu den kleinen Lyrik-Zeit­schriften, die kompromiss­los ihren Weg gehen. Da ist in erster Linie die „Mütze“ zu nennen, die neue Zeit­schrift des sich immer wieder neu erfindenden Lyrik-Editors Urs Engeler, der sein neues Blatt nun auch für Essays und aufregende Prosa-Projekte geöffnet hat. Die aktuelle September- und Dezember-Ausgabe, also die Nummer 2 und 3 der „Mütze“, sollte sich unbedingt aufsetzen, wer die neuesten Strömungs­linien sprach­reflexiver Dichtung kennen­lernen will. Hier finden sich zum Beispiel bewegende Gedichte aus dem Nachlass des Dichters und Übersetzers Wolfgang Schlenker, der sich vor Jahres­frist das Leben genommen hat. Es sind Gedichte, die das Melancholie-Motiv auf dem berühmten Stich Albrecht Dürers aufnehmen und es in ein Mosaik aus Verloren­heits-Bildern eintragen. „stichwort minimieren“ heißt da ein Text, der von der fort­schrei­tenden Schrumpfung des Lebens-Horizonts spricht und von dem paradoxen Daseinsgefühl des Ich, „ein eigen­ständiger und völlig korrekter teil / einer größeren entfernung zu sein“. Das schönste Ge­dicht aus dem „bruder morpheus“-Manu­skript Wolfgang Schlenkers ist die „freilaufende ge­schichte“, ein Text, der eine Meditation über Dürers Bild „Kleines Rasen­stück“ mit dem Bienen-Motiv der ameri­kani­schen Poetin Emily Dickinson zusammenführt. Nicht zufällig hat Schlenker viele Jahre seines Lebens darauf verwendet, eine ganz eigene Tonlage für seine Über­set­zungen der Gedichte Emily Dickinsons zu finden. Einige Meister­stücke lyri­scher Prosa liefert in der Nummer 3 der „Mütze“ die Dichterin Jayne-Ann Igel, die mit ihren poetisch sehr fein gewebten Traum­wande­rungen ein phanta­mago­risches Flimmern erzeugt. Es entsteht – wie in ihren früheren Gedichten – ein „gären von bildern in allen teilen des körpers“. Ein schwer zu ent­rät­selndes, gleich­wohl faszi­nie­rendes Stück herme­tische Poesie, in dem sich die Wörter zu ver­selbstän­digen scheinen, sind schließlich die „Quadrat­gedichte“ von Jean-René Lasalle, die in der „Mütze“ erst­mals einem deutschen Publi­kum prä­sentiert werden. Über­setzt hat diese „Quadrat­gedichte“ der wohl sprach­be­sess­enste Poet der Gegen­wart, der Öster­reicher Franz-Josef Czernin.