Michael Braun, Besprechung der zweiten und dritten Mütze im Saarländischen Rundfunk – Literatur im Gespräch vom Dezember 2012

Wenn man heute in Literaturzeitschriften nach radikaler und auch sub­stantieller Dichtung im Geiste der Avant­garde Ausschau hält, muss man an die Ränder gehen, hin zu den kleinen Lyrik-Zeit­schriften, die kompromiss­los ihren Weg gehen. Da ist in erster Linie die „Mütze“ zu nennen, die neue Zeit­schrift des sich immer wieder neu erfindenden Lyrik-Editors Urs Engeler, der sein neues Blatt nun auch für Essays und aufregende Prosa-Projekte geöffnet hat. Die aktuelle September- und Dezember-Ausgabe, also die Nummer 2 und 3 der „Mütze“, sollte sich unbedingt aufsetzen, wer die neuesten Strömungs­linien sprach­reflexiver Dichtung kennen­lernen will. Hier finden sich zum Beispiel bewegende Gedichte aus dem Nachlass des Dichters und Übersetzers Wolfgang Schlenker, der sich vor Jahres­frist das Leben genommen hat. Es sind Gedichte, die das Melancholie-Motiv auf dem berühmten Stich Albrecht Dürers aufnehmen und es in ein Mosaik aus Verloren­heits-Bildern eintragen. „stichwort minimieren“ heißt da ein Text, der von der fort­schrei­tenden Schrumpfung des Lebens-Horizonts spricht und von dem paradoxen Daseinsgefühl des Ich, „ein eigen­ständiger und völlig korrekter teil / einer größeren entfernung zu sein“. Das schönste Ge­dicht aus dem „bruder morpheus“-Manu­skript Wolfgang Schlenkers ist die „freilaufende ge­schichte“, ein Text, der eine Meditation über Dürers Bild „Kleines Rasen­stück“ mit dem Bienen-Motiv der ameri­kani­schen Poetin Emily Dickinson zusammenführt. Nicht zufällig hat Schlenker viele Jahre seines Lebens darauf verwendet, eine ganz eigene Tonlage für seine Über­set­zungen der Gedichte Emily Dickinsons zu finden. Einige Meister­stücke lyri­scher Prosa liefert in der Nummer 3 der „Mütze“ die Dichterin Jayne-Ann Igel, die mit ihren poetisch sehr fein gewebten Traum­wande­rungen ein phanta­mago­risches Flimmern erzeugt. Es entsteht – wie in ihren früheren Gedichten – ein „gären von bildern in allen teilen des körpers“. Ein schwer zu ent­rät­selndes, gleich­wohl faszi­nie­rendes Stück herme­tische Poesie, in dem sich die Wörter zu ver­selbstän­digen scheinen, sind schließlich die „Quadrat­gedichte“ von Jean-René Lasalle, die in der „Mütze“ erst­mals einem deutschen Publi­kum prä­sentiert werden. Über­setzt hat diese „Quadrat­gedichte“ der wohl sprach­be­sess­enste Poet der Gegen­wart, der Öster­reicher Franz-Josef Czernin.

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