Jack Spicer / Vortrag in Vancouver

spicerhouse

Stefan Ripplinger hat die erste einer Reihe von vier 1965 in Vancouver gehaltenen Lectures übersetzt, die sich mit dem „poetischen Diktat“ beschäftigt:

Wenn du eine Gaumenspalte hast und versuchst, in Stimmen von Menschen und Engeln zu sprechen, sprichst du immer noch mit einer Gaumenspalte. Und das Gedicht wird durch das, was in dir ist, verfremdet. Deine Zunge ist gerade die Zunge, mit der du geboren worden bist, und die Energiequelle, worin immer sie besteht, macht Gebrauch von deiner Zunge, lässt sie Dinge tun, die du nicht für möglich gehalten hättest, aber deine Zunge möchte immer wieder in ihre natürliche Lage, in ihren natürlichen Gaumenspaltenausdruck und in deinen Dialekt zurückkehren. Und ebendas solltest du vermeiden. Es gibt viel, was du nicht vermeiden kannst. Die Energiequelle kann dich nicht Marsianisch, Nordkoreanisch, Tamil oder sonst eine Sprache sprechen lassen, die du nicht beherrschst. Die Energiequelle kann dich nicht Bilder benutzen lassen, die du nicht oder wenigstens bruchstückhaft besitzt. Es ist, als ob ein Marsmännchen in ein Kinderzimmer käme, wo es Klötzchen mit A, B, C, D, E in Englisch gibt, und damit eine Botschaft übermitteln wollte. Diesen Weg muss die Energiequelle nehmen. Aber die Buchstabenklötzchen verhindern das immer wieder.

Mütze #13 bringt die Diskussion, die sich an den Vortrag von Jack Spicer in Vancouver anschloss:

DL: Wie kannst du dann behaupten, du hättest dich hier komplett ausgespart?

JS: Nein. Was ich sagen will, ist: Ich habe doch von den Marsmännern gesprochen, die die Buchstabenklötzchen in deinem Zimmer nehmen und auslegen können. Du hast diese Klötzchen in deinem Zimmer, es sind deine Erinnerungen, es ist deine Sprache, es sind andere Dinge, die dir gehören, die sie aber neu arrangieren, um das sagen zu können, was sie sagen wollen. Sie benutzen meine Erinnerungen. In den diktierten Gedichten aller mir bekannten Dichter werden ihre Erinnerungen benutzt, ganz natürlicherweise, denn was anderes gibt es gar nicht.

Ist schon komisch, dass ich von Marsmännchen spreche. Um es noch komischer zu machen, nehmen wir mal an, die Marsmännchen wollten kommunizieren. Dann können sie doch nicht sagen: „pnixlz auf dem prazl“ und dergleichen. Sie würden deine Erinnerungen an das verwenden, was eher deine Angelegenheiten als ihre sind.

So besteht also die am nächsten liegende Verbindung, die ich oder die der Marsmann sieht, darin, dass meine Großmutter das Puzzle aufgeknabbert hat, das in ihrem Schlafzimmer war, als sie im Wohnzimmer starb, und das kann, je nach Erinnerung oder Person, alles mögliche bedeuten. Deshalb ist ja Lyrik so schwer zu übersetzen.

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