Hans Thill / Warum toben die Heiden und die Völker reden so vergeblich?

Thill

Die Formel: „Warum toben die Heiden und die Völker reden so vergeblich?“ schien mir die richtige Frage zu stellen. Wichtig war die unzeitgemäße Diktion Martin Luthers, die Formulierung der modernen Einheitsbibel wäre mir ganz unbrauchbar erschienen, wenn ich sie überhaupt in Betracht gezogen hätte: „Warum toben die Völker, / warum machen die Nationen vergebliche Pläne?“

In dieser Formulierung aus dem 2. Psalm des Alten Testaments haben wir es mit einer rhetorischen Frage zu tun, die die Überlegenheit des Einen Gottes herausstreichen soll, indem sie die Bemühungen der Menschheit als eitel darstellt. Mir schien das Toben der Heiden und die Vergeblichkeit der Rede als Zeitdiagnose umso wahrhaftiger, als sie mit einem paradoxen Sprung den biblischen Zusammenhang zu verlassen schien. Gegenüber der Frage „Was sind das für Zeiten, wo / Ein Gespräch über Bäume fast schon ein Verbrechen ist“, kam mir die biblische Formel genauer, prägnanter und vor allem lustiger vor. […] Und die „vergebliche Rede“ schien mir damals die einzig mögliche Form eines poetischen Einspruchs gegen eine Öffentlichkeit, in der jede Aussage nach Meinungsgehalt einsortiert und ausgewertet wurde.

[Der poetologische Aufsatz von Hans Thill in Mütze #12 erscheint zur Veröffentlichung des roughbook 035.]

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