Jonis Hartmann, Michael Braun und Marie Luise Knott besprechen Mütze #26

Mütze #26 war, nach längerem Winterschlaf, wegen der Grenzschliessung zwischen Deutschland und der Schweiz, die den postalischen Zustelldienst durch hohe Gebühren absurd machte (das Porto hätte wesentlich mehr betragen, als was ich für ein Heft in Rechnung stelle), zuerst (und zum ersten Mal) online erschienen. Vielleicht hat dieser Umstand die Besprecher*innen beflügelt, jedenfalls gab es wesentlich mehr Echo als üblich: „Wie gut“, schrieb Jonis Hartmann auf fixpoetry, „dass die Mütze erwacht ist.“ Vor allem die Gedichte von Farhad Showghi haben ihm gefallen („zehn ausgezeichnete Seiten Lyrik“), zu dem Michael Braun wiederum in seiner Reihe „Zeitschrift des Monats“ bei „signaturen, forum für autonome poesie“ schreibt: „Auch die neuen Gedichte von Farhad Showghi, die sich „ins Sprechen träumen“, führen in der neuen Mütze ins semantisch Offene“, nachdem er bereits festgestellt hatte: „Die Mütze hat überhaupt eine Vorliebe für Dichter, die – wie [Ronald] Johnson – den Ausbruch ins Offene lieben, die Abweichung von normativen Poetiken, die Entschlossenheit zum Alleingang, die Bereitschaft zu ästhetischer Dissidenz. Zu ihnen gehört auch der polnische Dichter und Übersetzer Tomasz Różycki, der davon überzeugt ist, dass die Buchstaben den stärksten Drogen gleichkommen, denn – so Różycki – „sie befreien die Imagination“. […] Wenn man nun in der Mütze die ungeheuer fesselnden, lakonisch gefügten Różycki-Gedichte in der Übersetzung von Dagmara Kraus liest, wünscht man sich gleich ein ganzes Różycki-Buch in der Übertragung durch diese sprachempfindliche Dichterin.“ Die Gedichte von Tomasz Różycki haben es auch Marie Luise Knott angetan, die in ihrer „Tagtigall“ auf Perlentaucher schreibt: 

„Mittendrin in der Mütze (S. 1325) ein Zyklus mit Gedichten von Tomas Rozicki in der Übersetzung von Dagmara Kraus.

Die Erde

Unser Planet heißt Erde in den Handbüchern
schreiben sie, dass wir nach wie vor vier
Jahreszeiten haben: Sommer, Herbst, Winter
und Frühling. Das ist kompliziert.
Aber Schwerkraft, Temperatur,
Druckverhältnisse und die Glocke, die luftige Kugel,

in der wir sind, erlauben uns zu leben. Eine kleine Veränderung
reicht aus und wir verschwinden, doch es hat
jemand die Parameter so präzise justiert, dass
das Wunder währt. Sein Prinzip ist die Zeit. Auf ihr
steht das Gebäude. Auf einem winzigen Körnchen,
darin eingemeißelt deine Todesstunde.

Egal, welche Engel in dieser Glocke, die wir die Welt nennen, ihre Hände im Spiel haben: Das Wunder währt.“

Die Worte werden zu uns. Guido Graf schreibt bei „Pfeil und Bogen“ über Robert Kelly

„Soziale Poetik ist das Geschäft der Dichtung. Es geht gar nicht anders. Die Sprache, so Robert Kelly in der Mütze, ist ‹der Andere in unserem eigenen Mund›. Wenn dieser Andere nicht spricht, gibt es keine Dichtung. Die Sprache der Dichtung lässt Dichter und Dichterinnen sprechen. […] Die Subversion der sozialen Poetik, die politisch nicht dadurch ist, dass sie tönt, sondern Verbindungen auflöst und neue schafft, indem sie weitermacht, nicht mitmacht, zuhört, vervielfacht, durch stille Post, durch das, was die Dichtung nicht weiß, sondern was sie sich sagen lässt. Kelly nennt auch das Lassen, dieses lose Wort in seiner doppelten Ausrichtung von Erlauben und Verhindern. Dieser Widerstand, der nicht aufzulösen ist. Oder der, wo er aufgelöst wird, Dichtung nicht mehr zulässt. Der Widerstand der sozialen Poetik ist inhärent, als konstituierende Überraschung. Die Dichtung sagt etwas, von dem sie weiß, dass sie es nicht weiß. Undsoweiter. Eine ausweglose Offenbarung. Das Zuhören, das Überraschen, das Vervielfachen – alles gilt dem Anderen. Das Ich und der Andere machen, wenn es etwas wird, weiter. Zusammen und gegeneinander, als Komplizen des Selbst. ‹Die Worte werden zu uns.› Wenn die Subjektivierung dergestalt objektiviert wird, verändert das was, lässt etwas wachsen.“

Der ganze Text von Guido Graf steht hier bei „Pfeil und Bogen“.

Guido Graf arbeitet am Institut für literarisches Schreiben und Literaturwissenschaft der Universität Hildesheim, wo er unter anderem litradio.net betreut und Mitherausgeber der literarischen Revue Pfeil und Bogen ist.

 

https://pfeil-undbogen.de/die-worte-werden-zu-uns/

Jonis Hartmann bespricht Mütze #22

Jonis Hartmann Besprechung, erschienen bei fixpoetry und dort in Gänze zu lesen, endet mit

„die abschließende Sammlung Bertram Reineckes [treibt] das Gebrauchte auf die Spitze, mit „streng montierten“ Versen aus der Literaturzeitschrift Risse 18-39. Eine überraschende, in viele Ebenen greifende Technik, bei der Textteile wie kuratiert in einer Galerie zu einem bestimmten Thema zu stehen kommen, sich dabei als Kontinuum erweisen. Es ergeben sich Wiederholungen, wie hypnotische Samples, „täuschend einsame geräusche“, „kondensstreifen, die zurückbleiben“ und dazu ein umfangreiches Register. Der spannende Heftschlusspunkt.“

Und das All so fern. Wir
Treten die Funken aus –
War wunderbar und warm:
Der Kunde ist König

Hier kann König Kunde die Mütze bestellen.

Jonis Hartmann bespricht Mütze #21

„Mütze 21 widmet sich, im ersten Heftteil, in dossierhafter Konzentration final dem zeitgleich Im Versteck erschienenen Roman Eine Australienreise von Svein Jarvoll. Diese obskure Gemme wird in einem weiteren, wichtigen Textausschnitt geehrt, u.a. die Tarot-Szene, in der staunenswerten Übersetzung von Matthias Friedrich, anschließend mit zwei Beiträgen Sekundärliteratur, ebenfalls von Friedrich übersetzt von Gisle Selnes und Mazdak Shafieian, zu ihrem Ende geführt. Das ist gut, ist Jarvolls unverhältnismäßig uneinsichtiges Werk in den bisher präsentierten Ausschnitten kaum zu erahnen, nur richtungsweise zu verdrücken und dann auch durchaus, ohne größere Werkidee, ziemlich enervierend. Doch hier kommt alles in Bahnen und nebenbei, nach Gesamtlektüre des fantastischen Streichs im Versteck, wird es zurecht gewürdigt in all seiner Gefeiltheit, seinem Wahnwitz und seiner thanatophilen Anschmiegung. Wobei auch die beiden Literaturwissenschaftler auf die selbst in Norwegen weitegehende Ignoranz bis Verstecktheit des 1988 erstveröffentlichten Werkes hinweisen. Spricht Selnes von Jarvoll, in dessen eigener Zuschreibung, von einem Lochmacher, hält sich sein Text tatsächlich an die Dante Referenzen Jarvolls, und zwar im speziellen die analen.“

Die ganze Besprechung von Jonis Hartmann steht hier bei fixpoetry, die Mütze kann hier bestellt werden.

Mütze #20 ist da

Mütze20

Mütze“ bedeutet Fortsetzung und Kontinuum: Heft 19 endete mit Gedichten von Dagmara Kraus, ihr Gedicht „terz“ eröffnet Heft 20, gestimmt auf den Ton von Leben und Tod, Tod und Leben, der bereits Heft 19 mit Eleonore Freys Text zum „Hinübersegeln“ durchwehte. Vom Sterben und Gebären spricht „… weniger als ein Fenster“ von Rahaf Gharzaddien (übersetzt von Christian Filips und Kenan Khadaj im Rahmen der „Wiese“ in der Neuen Nachbarschaft Moabit), die nach ihrer Flucht vor dem Krieg in Syrien heute als Chaosforscherin in Duisburg lebt. Texte von Juan Villoro zum Erdbeben in Mexico City (übersetzt von Chiara Caradonna), zu den Waldbränden und gestrandeten Walen an Kaliforniens Küsten, mit denen sich Jennifer Poehler aus Bolinas nach langer Zeit wieder zu Wort meldet, und zu Berner Tieren von Patrick Frey, dem Sohn von Eleonore und Hans-Jost Frey, beschäftigen sich mit Naturzuständen. Nicht nur rhetorischer Natur sind der Marp von Monika Rinck („Ich nannte die Frau Frau. Schon war sie da. Ich erschuf den Marp. Und nannte ihn Marp.“) und der Godevan von Urs Allemann („Der Godevan ist das einzige Tier, das zwecks Existenzabschattung und/oder Selbstzerwurzelung zwischen den Aggregatzuständen frei hin und her switchen kann.“). Mit „Maskenspiel und Tonfilm“ beenden wir die kleine Serie mit Essays von H.D. zur Rhetorik und Natur der Filmkunst (im amerikanischen Original und in der Übersetzung von Günter Plessow) und mit Svein Jarvoll setzen wir unsere Reise zur tatsächlichen und imaginären Flora und Fauna Australiens fort.

Jonis Hartmann und Michael Braun besprechen Mütze #19

Fast hätte ich selber vergessen, auf das (wenn Sie meine eigene Meinung interessiert: sehr gelungene) Heft #19 hinzuweisen (das noch im Dezember erschienen ist), und das kann ich jetzt zum Glück nachholen mit zwei Besprechungen: Jonis Hartmann tut sich in seiner Besprechung für fixpoetry noch immer recht schwer mit Svein Jarvoll, dem dagegen Michael Braun in seiner Zeitschriftenlese für den Saarländischen Rundfunk viel abgewinnen kann:

In dem von Matthias Friedrich exzellent übersetzten Monolog von Jarvoll geht es um eine Art Wahrnehmungsekstase. Der Ich-Erzähler rekonstruiert einen Akt der schöpferischen Zerstörung: Als Neunzehnjähriger hat dieser Erzähler seinen gesamten Bücherbestand verbrannt. Dieser Zerstörungsakt wird aber zugleich als Öffnung der Sinne beschrieben, als Erweiterung des Bewusstseins, das den Blick auf sämtliche Phänomene der Natur zu einer überwältigenden Erfahrung werden lässt.

Auch von Eleonore Freys Text zum Sterben zeigt sich Michael Braun berührter:

Das aktuelle Heft 19 der „Mütze“ präsentiert einige fabelhafte Texte vom „Zauber der Dichtung“, wie ihn etwa die Schweizer Schriftstellerin Eleonore Frey in ihrer faszinierenden Beschwörung einer ästhetischen „Zwischenwelt“ an der Grenze von Leben und Tod evoziert. Freys Text taucht ein in die Sphäre der Kunst, in eine eben noch das Dasein erfüllende Bücherwelt, die durch das fortschreitende Alter und die damit verbundene Erfahrung der eigenen Schwäche sich langsam aufzulösen beginnt. Es geht um das „Hinübersegeln“ in einen anderen Zustand, um den langsamen Verlust der Glückserfahrung: „Nur die sanghaft rhythmisierte Sprache der Dichtung“, so Eleonore Frey, „kann derart als Musik auf uns wirken, dass wir in der von ihr heraufbeschworenen Welt selig aufzugehen glauben und in eine Art von Schwebezustand geraten, der so lange dauert, als uns der Zauber der Dichtung zu tragen vermag.“

Beide stimmen aber in ihrem Kommentar zu Dagmara Kraus Gedichten überein:

Wie durch kunstvoll geformte Literatur dieser Schwebezustand generiert werden kann, demonstrieren in der „Mütze“ die großartigen Texte der polyglotten Dichterin Dagmara Kraus …

schreibt Michael Braun, und Joris Hartmann schliesst mit:

Den Abschluss macht das vorzügliche sprach-politische Gedicht deutschyzno moja von Dagmara Kraus selbst. Hier „stehen millionen flüchtige wörter an der grenze“, mischen sich die Sprachen, Dialekte und Termini. Zwischen UMFwörtern und futura und einem Abgang auf der letzten Seite zeigt sich Kraus als innovativ-kunstvolle Dichterin, die inhaltsstark, drängende Sprachwelten und Sprachschicksale erzeugt. (Tragi-) Komisch und aktuell. Ein vorzüglicher Abschluss einer in weiten Teilen melancholischen Mütze.

Jonis Hartmann bespricht Mütze #18

 

Auf fixpoetry, wo denn sonst:

Mütze Nummer 18 versammelt drei spannende längere Prosatexte, sowie den dritten und letzten Teil des äußerst lesenswerten großen Robert Kelly Interviews. Den Anfang bildet ein Text von H.D., Texte zum Film 1 / Schönheit, was nach einer sich über weitere Mützen erstreckenden Angelegenheit aussieht. H.D., die als Hilda Doolittle geboren, eine der interessantesten Autorinnen ihrer Generation ist und eine lange Zeit ihres Dichterin- und Übersetzerinlebens in der Schweiz verbracht hat, schreibt früh in der Zeitschrift „Close Up. A Quarterly devoted to the Art of Films“ (1927-1933, Territet bei Montreux) über ihre Stummfilmbegegnungen mit Schauspielkünstlerinnen wie Greta Garbo, Lilian Gish, Gloria Swanson oder Lya de Putti. Dabei war es das Anliegen der Zeitschrift, die noch junge, kaum 20 Jahre alte Gattung des bewegten Bildes gegen alle Traditionalismen hinweg zur Kunstform zu erheben. H.D. als Anwältin dieses Impetus schreibt in phantasievoller Berichterstattung und in frei kombinierend-assoziativem Stil von der Schönheit auf der Leinwand, den Ogern der Zensur, Tintoretto und den Verbindungen zur griechischen Mythologie, deren originalsprachlicher Übersetzung sich H.D. vom Griechischen ins Englische zeitlebens gewidmet hat. Der Text wirkt zeitlos, hat trotz des Kolorits durch die Filme und ihre beteiligten Namen der späten 20er eine freigeistige offene Ebene, die über das gewählte Thema hinausreicht. Eine Reflektion über den Schönheitsbegriff und ihren Import/ Export.

„Schönheit ist dazu gemacht, fortzudauern, im Menschen, in der Blüte, im Herzen, im Geist. Jene Flamme, den hochgestochenen Verleumdern zum Trotz, existiert genau im Zentrum, mitten im Herzen der Menge. Das Geschäft des Ogers, des Zensors ist es, eine Schlange als ein Ei auszugeben, einen Stein als Brot. Die Pflicht jedes ernsthaften Intellektuellen ist es, auf ein besseres Verständnis für das Kino hinzuarbeiten, den Boden zu bereiten, um diese superbe Kunst aus den Fesseln der Konvention zu befreien. Mit anderen Worten, Perseus und die angekettete Jungfrau. Beziehungsweise der heilige Georg und der Totemdrache. So oder so ist es uns aufgegeben, sie so rasch wir können zu retten, diese gefangene Unschuld (momentan verkörpert in dieser Greta Garbo), in hauchzarten, quälenden Schleiern aus Licht und Schatten, schweifend auf eine photogene Art und Weise, die Leonardo bewundert und der Tintoretto Beifall bezeugt hätte. Greta Garbo gab mir, seit ich sie zum ersten Mal sah, einen Schlüssel, einen neuen Blick und ein neues Hochgefühl. Dies ist Schönheit, und dies ist eine schöne junge Frau, die ohne alle Exaltiertheit verletzlich, dennoch unverletzt durch eine zerstörte Stadt geht.“

In Birgit Kempkers Text Wann ist eine Figur lebenswert? erläutert die Autorin in einer Mischung aus Statements beziehungsweise Ratschlägen, Bekenntnis und Selbstgespräch das schwierige Verhältnis zwischen Bindung und Bühne, Präsentation und Selbstbetroffenheit. Ähnlich wie H.D. nimmt sich der Text alle Freiheiten, die er braucht. Schwenkt herum, zwischen Information und Narration und Schlussfolgerungen, fügt sich dem Medium Radio/ Hörspiel an mit seinen Fragestellungen, geht aber eben doch weit darüber hinaus – in Umkehrung einer uralten Textfrage.

„Wenn sie sich für meine Auslöschung interessiert, diese Figur, oder wenn sie autistisch ist und sich für überhaupt niemanden interessiert, dann Problem. Du hast dann ein Problem, ich nicht. Denn ich stelle dich ab und aus und weg bist du. Wenn ich mich für eine solche Figur interessiere, für die ich nicht existiere, dann könnte ich auch bald nicht existieren. Ich könnte das wollen. Natürlich. Das Nichtexistieren ist ansteckend. Ein melancholischer Ansatz. Ein meditativer. Ein suizidaler. Ein Mensch bin ich, der weiß, dass ich sterblich bin, aber so nicht. Ich will nicht aus Langeweile am Radio sterben. Hörst du? Du hörst mich ja nicht, wie kann ich dann wollen, dass dich andere Menschen hören, wenn sie das Radio anstellen?“

Es folgt eine ausufernde, auch im syntaktischen Sinne, Analyse von Thomas Schestag mit dem Titel Ich werfe Lettern aufs Papier, um einen Brief zu schreiben. Der Literaturwissenschaftler Schestag setzt die essayistische Prosa der ersten Beiträge der Mütze Nummer 18 fort und erläutert die Frage des Besitzes der Literatur an Briefen oder des Vorgangs der Literaturwerdung von Briefen anhand solch unterschiedlicher Beispiele wie Mary Wollstonecraft und ihrer Tochter Mary Shelley, Franz Kafka oder Horaz. Dabei kommen die disparatesten Dinge zusammen, werden manifest durch Einschreibung, vererben sich selbständig weiter und tauchen an ungeahnter Stelle wieder auf. Schestag arbeitet mit einem Kosmos an Wissen und Querverweisen, es gibt einen Handapparat am Ende des Textes, und sein Beitrag hält eine grandiose Klammer aus Erzählung, Volte und Orten, als ob sein Text selbst ein amorphes Wesen wäre, das zu greifen (in alle Richtungen, Zeiten oder Stile) imstande ist. Ein außergewöhnlicher Beitrag.

Den Abschluss dieser großartigen Ausgabe der Mütze macht jener angesprochene letze Teil des Interviews mit Robert Kelly, in dem der vielschreibende, kluge Kelly Urs Engeler selbst Rede und Antwort steht. Er vermittelt die Ruhe und Ausgeglichenheit eines weiterfahrenen Geistes, dem seine Neugier und Begeisterungsfähigkeit dennoch kein Stück abhanden gekommen ist. Er sagt:

„Sei vorsichtig, was du aufschreibst. Es wird zum Beweis. Eines der Probleme – persönlich, politisch, moralisch, theologisch –, ein Dichter zu sein, ist also, verantwortlich, rechtlich verantwortlich zu sein für das, was das Gedicht seinen Lesern sagt und mit ihnen auf seiner Reise macht, und sich dennoch davon zu befreien, am Text festzuhalten. Der Ozean der Bedeutung wird zu oft zum akademischen Vogelbad. Ich nehme an, kleine Vögel müssen sauber sein.

Erst wenn ich das Gedicht laut vorlese, in der Gegenwart von Fremden, beginne ich zu erkennen, was es ist und wie es funktioniert. […] Wenn ich Filmemacher wäre, würde ich das öffentliche Lesen die Post-Produktionsphase der Arbeit nennen. Wenn ich vorlese, lerne ich so viel, ich bin aufmerksam (nach all den Jahren von Erfahrung) auf die Stimmung des Publikums, dem Ausdruck auf diesem einen Gesicht, wer auch immer das sein mag, und den oder die ich öfter anzustarren beginne, während ich lese, ich nehme ihre oder seine Reaktion treuhänderisch wahr, als eine Seemarkierung für meine Reise.

Ich habe keine Pläne, ich habe Wünsche. Klarer kann ich es nicht sagen.“