Jonis Hartmann bespricht Mütze #17

Die lange und detaillierte Besprechung findet sich hier auf fixpoetry.

Besonders interessant fand ich folgende Passagen:

In Marius Daniel Popescus Zyklus Der Fliegenfotograf, übersetzt von Alexandru Bulucz und Marcus Roloff, wird eine erstaunliche Klammer auf (und wieder zugemacht), mit listenartigen Gedichten, die sich in Essensaufzählungen ergehen, eine bedrohliche Harmlosigkeit spielen, um dann in kürzeren eingeklammerten Gedichten die volle Palette einer durchdringenden Bedrohung aufzumachen. Schule, Anstalten, Bahnhöfe, allgegenwärtige Kontrolle spiegeln eine fast totalitäre Atmosphäre, in der Popescu Themenschlösser aufzählt, freirhythmische Politik vs oder in Poesie einstreut und gestaltet, nicht ohne beißenden Humor.

Den Abschluss macht ein geheimnisvoller Prosatext von Jude Stéfan mit dem Titel Die beiden Schwestern. Von Kurt Aebli übersetzt, wirkt er wie eine semi-dokumentarische Dekonstruktion eines existenzialistischen Tschechow ohne Speck. Die beiden Schwestern sind selbstgewählte Außenstehende, unkonventionell. Sie „wollen nicht dick werden“. Sätze wie „Die beiden Schwestern waren beim Orgelkonzert“ sagen viel und nichts zugleich. Ein schöner Abschluss, der sich Wertigkeiten und Weisheiten, aber auch Wagnissen gekonnt entzieht.

 

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Mützen #17 und #18 sind da

Der Sommer brachte reiche Saat, deren Ernte im Herbst eingefahren wird, weshalb auch gleich zwei Hefte erschienen sind, Ende September Heft 17 und Anfang Oktober Heft 18, mit Gedichten von Svein Jarvoll, Marius Daniel Popescu, Konstantin Ames und John Ashbery und einigem an Prosa: Birgit Kempker fragt uns, wann wir eine literarische Figur lebens- und lesenswert finden; H.D. antwortet, welche Gestalt ihr in den Filmen ihrer Zeit sehenswert erschien; Thomas Schestag schaut nach dem aus, was im Rücken des Schreibers und Schreibens vor sich geht; Kurt Aebli übersetzt eine der wunderbar aus der Zeit gefallenen Erzählungen von Jude Stéfan; und Christian Steinbacher nutzt die Differenzen zweier Übersetzungen zum Ausscheren. Ein Schwerpunkt gilt Mara Genschel, die heuer mit dem Förderpreis zum Heimrad-Bäcker-Preis ausgezeichnet wurde: neben der Laudatio von Christian Steinbacher bringt Mütze die autofiktive Dankesrede der Preisträgerin. Michael Braun hat in seiner Zeitschriftenlese bereits auf die neuen Mützen und auf Mara Genschel hingewiesen:

Der Kritiker als überempfindliche Mimose und der Dichter als unendlich geduldiger Knecht, der die Züchtigung des Kritikers über sich ergehen lässt – auch das sind Konstellationen, die der aktuelle Literaturbetrieb kennt. Wie man sich eine forcierte Außenseiter-Position im meist konfliktscheuen Literaturbetrieb erhalten kann, lässt sich auch am Beispiel der eigensinnigen Dichterin und Poesie-Performerin Mara Genschel zeigen, die immer sehr unorthodoxe Darbietungsformen für ihre Texte wählt. Ihr jüngstes Projekt mit dem Titel „Cute Gedanken“, das heiter-schräge Protokoll eines Stipendienaufenthalts im amerikanischen Iowa, ist gewissermaßen aus der Zusammenarbeit eines registrierenden Tagebuch-Ichs und der Korrekturfunktion eines amerikanischen Mobiltelefons entstanden. Genschels Autorinnen-Ich notierte Überlegungen zu ihrem Aufenthalt in ihr amerikanisches Handy – und das Gerät verwandelte dank der rustikalen Korrekturfunktion die Aufzeichnungen in ein bizarres Brockenamerikanisch bzw Brockendeutsch. Der Eintrag „Ich bin einer von euch“ mutiert dann zu „Ich bin diner / von such“. Bei einer Lyriknacht in Stuttgart vermochte es Genschel, durch eine bizarre Live-Übersetzung des eigenwilligen Brockenamerikanisch die Zuhörer auf die Palme zu bringen. Der schlimmste Feind dieser Autorin ist eine biedere Literaturfrömmigkeit, der man erhabene Botschaften ablauschen will. Was für Genschel „Erhabenheit“ bedeutet, erklärt in der sehr erfrischenden Nummer 17 der Literaturzeitschrift „Mütze“ der Dichter Christian Steinbacher. In seiner Laudatio auf Genschel dechiffriert Steinbacher einige Verfahrensweisen der auf ästhetische Renitenz abonnierten Autorin. Ein Genschel-Text mit dem Titel „ERHABENES“, findet sich zum Beispiel in ihrem in mehreren Lieferungen erschienenen Lyrikheft „Referenzflächen“, das Genschel in geringer Auflage im Self-Publishing-Modus anbietet – und das zur Zeit nur als Leihgabe zu haben ist. Die Gedichte werden hier alle einem Verfahren der Überschreibung, Durchstreichung oder Überklebung unterzogen. Beim Text „ERHABENES“ werden zum Beispiel auf zwei gegenüberliegenden weißen Seiten zwei Tesafilm—Streifen platziert, jeder Streifen in sich so zusammengeschoben, dass eine Faltung entsteht. Im Durchstreichen und Überkleben poetischer Notate manifestiere sich eben – so der Genschel-Exeget Steinbacher – eine große „Freude an Schieflagen“. Solche postavantgardistischen Einübungen in die Herstellung ästhetischer Abweichungen und „Schieflagen“ gehört zum Erkenntnisvergnügen des „Mütze“-Herausgebers Urs Engeler. Im aktuellen Heft 18 der „Mütze“ präsentiert er ein fantastisches Interview mit dem amerikanischen Lyriker Robert Kelly, der in unglaublich geschliffenen Sentenzen das Erkenntnisglück beim Herstellen von Gedichten beschreibt. In Heft 17 sind auch grandiose minimalistische Maximen von Kelly zu lesen, die durch Lakonie überzeugen. Etwa die Maxime Nr. 198: „Schönheit ist eine Frage, die keine Antwort braucht.“ Oder die superkurze Poetik der Nr. 199: „Ein Gedicht ist ein kleines Ding, das viel Zeit braucht.“ Diese Zeit werden wir uns mit Hilfe von Zeitschriften weiter gönnen.

Michael Brauns Zeitschriftenlese findet sich hier, und die neusten Mützen können hier bestellt werden: http://muetze.me/muetze-bestellen.html.

Jonis Hartmann bespricht Mütze #16

Robert Kelly („ein Meister der Mischung von poetischem und prosaischem Sprechen“) und Jerome Rothenberg („von [Norbert] Lange interessant ins Deutsche gezogen (beide Sprachen sind abgedruckt) kommt es zu abgedrehten Wildnis- und Indianer- und vor allem Cowboy-Dekonstruktionen“) gefallen Jonis Hartmann, Svein Jarvoll dagegen gar nicht, der Romanauszug „entpuppt sich als ein selbstgerechter und an nerdiger Horizontreproduktion kaum zu überbietender Monolog eines „belgischen Wortalchemisten“ namens Frimpegg, der eigentlich eine absatzlose Liste aus Sätzen ist, die nervig zu lesen und ohne jeglichen Mehrwert tausend und ein Ding aus Sprache und Fundstück, Geographien, Philosophemen und Schwänzen zusammendengelt. Möglicherweise will Jarvoll genau das zeigen: das vergebliche Trauerwalten einer jeglichen Alchemie. Ok. Aber derart kontextlos macht der Text lediglich wütend.“ 

Die ganze Besprechung bei fixpoetry – und Kontext von und zu Svein Jarvoll in den nächsten „Mützen“.

Svein Jarvoll / Eine Australienreise, Kapitel 1

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„Einer der wenigen, die mich in dem Haus besuchten, das ich für zwei Wintermonate in einem Dorf dicht unterhalb der Berge in der Provinz Valencia gemietet hatte, war Samuel Grambaro Flimpegg, ein belgischer Alchemist, der seine abstruse Wissenschaft zu rein verbalen Prozessen destilliert hatte, deren einziger Zweck, soweit ich erkennen konnte, darin bestand, eine allzu fassbare Wirklichkeit in dunkle Schleier aus Wörtern, Wörtern, Wörtern zu hüllen.“

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Mütze #16 ist da

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Die Herzstücke des Heftes bilden drei lange Gedichte von Jerome Rothenberg, die Norbert Lange aus „Poland/1931“ ausgewählt und übersetzt hat, und der Anfang von Svein Jarvolls sprachmächtiger Reise zu den Antipoden, übersetzt von Matthias Friedrich. Das Heft bringt außerdem die von Robert Kelly Martin Traubenritter zugeschriebenen „Gewissheiten“ sowie den dritten Teil des langen Interviews mit Kelly, in dem dieser sich tief in seine Lektürelisten blicken lässt. Bestellungen nimmt gerne entgegen urs@engeler.de oder https://muetze.me/muetze-bestellen.html.

Timo Brandt bespricht die Mützen #13 und #14

In seiner langen Besprechung auf fixpoetry kommt Timo Brandt zum Fazit:

Die Kontinuität (die sich u.a. auch zeigt im Aufgreifen der Beiträge der vorherigen Ausgaben, dem Dialog der Beiträge) scheint in der „Mütze“ eine wichtige Sache zu sein. Poesie – Poetik, das beides wird hier großgeschrieben und sehr gleichberechtigt nebeneinandergestellt. Zumindest mir geht da das Herz auf und Entzücken stellt sich ein. Bei der Mütze auf dem Laufenden zu bleiben, wird sich glaube ich lohnen.

Hier die ganze Besprechung.

Michael Braun bespricht Mütze #14

Im Rahmen seiner Zeitschriftenbesprechung (dieses Mal über die neuen Hefte von „Sinn und Form“, „Park“, „Die Wiederholung“ und „Die Rampe“) für den Saarländischen Rundfunk schreibt Michael Braun über Rainer René Mueller:

… und Elke Erb riskiert in diesem Zusammenhang eine gewagte Definition: „Poesie ist schlichthin Glück.“ Das neue „Park“-Heft veröffentlicht auch Hans Thills schöne Laudatio auf einen poetischen Solitär und Hermetiker, der zwei Jahrzehnte lang an der Armutsgrenze lebte, vergessen vom Literaturbetrieb. Es geht um Rainer René Mueller, in dessen „Lieddeutsch“ sich verschiedene Sprachschichten mischen: das Mittelhochdeutsch der Minnelyrik, das Jiddische, französische Brocken und eine in die Tiefen der deutschen Barbarei führende, extrem verdichtete Sprache der Wortreste in zersplitterter Syntax. Muellers Dichtung, so Hans Thill, ist eine „finstere Materialkunde“, in der die Geschichte des Holocaust in schmerzhaften Fügungen aufblitzt.
 Um Rainer René Mueller hat sich auch der Schweizer Lyrik-Editor Urs Engeler verdient gemacht, der nun in der aktuellen Nummer 14 seiner Zeitschrift „Mütze“ eine mikroskopische Einzelbetrachtung eines Gedichts von Rainer René Mueller vorlegt. Die Literaturwissenschaftlerin Chiara Caradonna hat sich hier über Muellers Gedicht „Rißvernähung: Oxygène“ gebeugt, den Text in seiner Zeichenstruktur genauestens untersucht und jedes Bilddetail entziffert. Dieser philologischen Feinmechanik verdanken wir einige schöne Einsichten – etwa den Hinweis auf Kafkas und Muellers Adaption des Mythos vom Gesang der Sirenen. Nach Homers „Odyssee“ und anderen antiken Erzählungen schlugen die Sirenen durch ihren betörenden Gesang vorbeifahrende Schiffsleute in Bann, um sie dann zu töten. Bei Kafka und auch bei Rainer René Mueller finden wir die paradoxe Pointe, das Schweigen der Sirenen sei eine „noch schrecklichere Waffe als ihr Gesang“.

Die ganze Besprechung zu den oben erwähnten neuen Heften ist on line im Poetenladen nachzulesen: http://poetenladen.de/michael-braun-zeitschriftenlese-februar17.htm

Neue und ältere „Mützen“ können hier bestellt werden: https://muetze.me/muetze-bestellen.html

Mütze #15 ist da

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Mütze #15

von lyrikzeitung

Hrsg. von Urs Engeler. 52 Seiten. Einzelheft 6 €  (D)

Stephan Broser: Gedichte.

Nicolai Kobus: bildgebende verfahren. studien zur selbstwahrnehmung: Gedichte zu Bildern von Meret Oppenheim, Francis Bacon, Giorgi de Chirico, Andy Warhol u.a. Jedes Gedicht in einer anderen Form, z.B. reimlos, Strophenformen Zwei-, Drei-, Vier, Fünf- u. Mehrzeiler, Terzine usw. Das Gedicht zu Hogarth beginnt mit „eigentlich sollte das hier ein sonett / werden aber mir ist gerade so jazzy / ums gemüt improvisieren das gebot“. Das Gedicht zu einem Selbstbildnis von de Chirico endet so:

(…) und diese frage: was ich lieben

werde wenn den letzten schatten schräg
ich an den lichteinfall gelehnt die schiefe
ebene so träg ins bild gezogen haben werde:
scheiß latein und scheiß zentrale perspektive

Die dazugehörigen Bilder sind nicht mit abgedruckt, aber exakt bezeichnet. Man kann sie aus dem Text imaginieren oder ggf. danach googeln.

S.T. Coleridge: This Lime-Tree Bower My Prison (as published in Sibylline Leaves, 1817) im Original und der Übersetzung von Florian Bissig.

Joseph Joubert (1754-1824), aus den Carnets. Auswahl und Übersetzung Martin Zingg mit einem Essay des Übersetzers. Die für mich bemerkenswerteste Entdeckung dieses wie jede Mütze an vergnüglicher und spannender Lektüre sowie Entdeckungen reichen Heftes. Maurice Blanchot nannte ihn „einen der ersten ganz modernen Schriftsteller (…), da er der Kreislinie das Zentrum vorzog, die Ergebnisse der Aufdeckung ihrer Bedingungen opferte, und nicht schrieb, um Buch an Buch zu reihen, sondern um die Herrschaft über jenen Punkt zu erlangen, aus dem, wie er meinte, alle Bücher hervorgehen und der ihn, hätte er ihn einmal gefunden, der Aufgabe entheben würde, welche zu schreiben.“ Er schrieb fast täglich, veröffentlichte aber kein einziges Buch. In Kenntnis der französischen Literatur würde man ihn für einen Aphoristiker halten und den Moralisten zurechnen, tatsächlich wurden seine postumen Veröffentlichungen lange „Pensées“, Gedanken genannt und in thematische Ordnungen gebracht seit dem ersten Auswahlband, der 1838 in einer Miniauflage von 50 Exemplaren erschien, herausgegeben von seinem Freund und Verehrer Chateaubriand. Aber es sind keine Aphorismen, es fehlt die „Prozedur des Pointierens“ und „jedes Rechthaben- und Verblüffenwollen“. Ich mußte beim Lesen an Wolfgang Koeppen denken, der, seit er Suhrkampautor wurde, kein einziges Buch mehr schrieb und über dessen Schreibunlust oder -unfähigkeit die Kritiker zu Lebzeiten und postum rätselten und orakelten. Von Schreibfaulheit war und ist oft die Rede, aber er schrieb und füllte tausende Seiten mit zumeist geschliffener Prosa, nur er „lieferte nicht“. Joubert schrieb mehrfach von seinem Widerwillen gegen „zu viele Bücher“, die große Zahl nehme ihm die Lust und töte das Vergnügen, und überhaupt sei er, wie Montaigne, „ungeeignet für den fortlaufenden Gedankengang“. Blanchot: „Er schrieb nie ein Buch, er traf lediglich Vorbereitungen, eins zu schreiben“. Erst 100 Jahre nach seinem Tod begann man seine Eigenart zu respektieren und nicht „Gedanken“ zu Themen herauszuziehen, sondern seine Hefte, Carnets, in chronologischer Folge zu edieren, 250 gebundene Notizbücher fanden sich im Nachlaß.

Ein paar Kostproben:

Manchmal ist das ungenaue Wort dem genauen vorzuziehen. Es gibt, nach einer Äußerung von Boileau, elegante Dunkelheiten; es gibt majestätische; es gibt sogar notwendige: das sind jene, die den Geist das imaginieren lassen, was ihn die Klarheit nicht sehen lassen könnte.

Geplagt vom verfluchten Ehrgeiz, immer ein ganzes Buch auf eine Seite zu bringen, jede Seite in einen Satz, und diesen in ein Wort.

Es müssen viele Stimmen zusammen in einer Stimme sein, damit sie schön ist. Und verschiedene Bedeutungen in einem Wort, damit es schön ist.

Dinge, die man weiß, wenn man nicht an sie denkt.

Robert Kelly: Gewissheiten. Die Maximen von Martin Traubenritter.

Robert Kelly: Interview Teil II.

Hier zwei der Maximen:

2.
Dichter versuchen immer, Flüsse zu sein, formschön und seicht. Sed stattdessen Ozeane, weit und sehr tief. Und vergesst das Salz nicht.

14.
Wahrheit hängt davon ab.

 

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