Mütze #14 ist da

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„Rißvernähung : Oxygène“ heißt das Gedicht, das die mit Heft #13 begonnene Sammlung neuer Gedichte von Rainer René Mueller fortsetzt, und „Mit Nadel & Faden“ ist der lange Aufsatz  überschrieben, in dem Chiara Caradonna den Hallraum des Gedichtes von Mueller erhellt. Die „Fortfassungen“ von Eberhard Häfner sind die überarbeiteten Fassungen der Gedichte, die bereits in Heft #13 veröffentlicht worden sind, jetzt begleitet von Grüßen zu Eberhard Häfners 75. Geburtstag von Birgit Kreipe, Peter Geist und Tom Schulz. Und auch Kurt Aebli hat in diesem Heft einen zweiten Auftritt, dieses Mal als Übersetzer des französischen Autors Yves Ravey.

Michael Braun bespricht Mützen #12 und #13

Ein literarischer Außenseiter, der mit seinen zersplitterten Versen die deutsche Unheilsgeschichte in seiner Dichtung reflektiert, ist der Heidelberger Lyriker Rainer René Mueller. Seine Gedichte sind den enigmatischen Fügungen Paul Celans verwandt, sie müssen „hindurchgehen“ – um eine Formulierung Celans aufzugreifen – „durch die tausend Finsternisse todbringender Rede“, um die deutschen Verbrechen benennen zu können. Das aktuelle Heft 13 der poetisch überaus inspirierten Literaturzeitschrift „Mütze“ präsentiert nun neue Gedichte von Rainer René Mueller, der nach seinem 1994 publizierten Gedichtband „Schneejagd“ zwanzig Jahre lang geschwiegen hat, bevor er mit Hilfe des Dichters Dieter M. Gräf ins literarische Leben zurückkehrte. Auch in seine neuen Gedichten trifft eine mörderische Unheilsgeschichte auf ein beschädigtes Ich, das nur unter einem besonderen historischen „neigung-/ :s`winkel“ sprechen kann. Überhaupt liefern die beiden neuen, zeitgleich erschienenen Hefte 12 und 13 der „Mütze“ intensiven poetischen Stoff. Der Literaturwissenschaftler Hans-Jost Frey legt in Heft 12 eine überaus feinsinnige Interpretation eines Gedichts von Samuel Coleridge vor, des englischen Romantikers, der einst behauptete, sein Gedicht „Kubla Khan“ sei im Traum entstanden und er habe es im Wachzustand nur noch protokollieren müssen. In einem großartigen Interview erklärt der amerikanische Lyriker Robert Kelly seine Poetik des „deep image“, des tiefen Bildes, das als ein „immens sinnliches Ereignis“ zu verstehen ist. In einem fabelhaften Essay rekapituliert der Heidelberger Lyriker Hans Thill seine poetische Entwicklung vom anarchistisch motivierten Linksradikalen zum surrealistisch inspirierten Lyriker und Übersetzer. Eine zentrale Rolle in dieser Verwandlung „vom Poetisch-Operativen ins Poetisch-Surreale“ spielt Thills Lektüre des französischen Dichters Guillaume Apollinaire, einer Schlüsselfigur der Avantgardebewegungen. In Heft 13 der „Mütze“ sind auch Gedichte des Schweizer Lyrikers Kurt Aebli zu lesen, die das dichterische Ich an der Grenze der Selbstauflösung zeigen – ein Ich, das von dem Zweifel an sich selbst verschlungen zu werden droht: „Aus so vielem von mir ist / nichts / geworden, und wär es nicht / nichts geworden, so wär es / nicht viel. // Das Rascheln der Blätter / unter meinen Schritten ist nicht / viel. // Aber es ist / von mir.“

http://poetenladen.de/michael-braun-zeitschriftenlese-august16.htm

 

Hans Thill / Warum toben die Heiden und die Völker reden so vergeblich?

Thill

Die Formel: „Warum toben die Heiden und die Völker reden so vergeblich?“ schien mir die richtige Frage zu stellen. Wichtig war die unzeitgemäße Diktion Martin Luthers, die Formulierung der modernen Einheitsbibel wäre mir ganz unbrauchbar erschienen, wenn ich sie überhaupt in Betracht gezogen hätte: „Warum toben die Völker, / warum machen die Nationen vergebliche Pläne?“

In dieser Formulierung aus dem 2. Psalm des Alten Testaments haben wir es mit einer rhetorischen Frage zu tun, die die Überlegenheit des Einen Gottes herausstreichen soll, indem sie die Bemühungen der Menschheit als eitel darstellt. Mir schien das Toben der Heiden und die Vergeblichkeit der Rede als Zeitdiagnose umso wahrhaftiger, als sie mit einem paradoxen Sprung den biblischen Zusammenhang zu verlassen schien. Gegenüber der Frage „Was sind das für Zeiten, wo / Ein Gespräch über Bäume fast schon ein Verbrechen ist“, kam mir die biblische Formel genauer, prägnanter und vor allem lustiger vor. […] Und die „vergebliche Rede“ schien mir damals die einzig mögliche Form eines poetischen Einspruchs gegen eine Öffentlichkeit, in der jede Aussage nach Meinungsgehalt einsortiert und ausgewertet wurde.

[Der poetologische Aufsatz von Hans Thill in Mütze #12 erscheint zur Veröffentlichung des roughbook 035.]

Robert Kelly im Gespräch

grandstreet

Robert Kelly im Gespräch:

Die Poesie spielte mir übel mit. Vielleicht ist es eine Jungssache – jetzt, wo Sie mich danach fragen, bin ich plötzlich daran erinnert, dass meine Annäherung an Gedichte wie meine Annäherung (oder die der meisten Jungen) an Mädchen war; jahrelang sind Mädchen Wesen von einem andern Stern und unverständlich und langweilig, vor allem langweilig, aber langweilig auf eine lästige Weise (was uns Jungs einen Wink mit dem Zaunpfahl geben sollte, dass es hier um mehr geht, als wir im ersten Augenblick sehen – aber Jungs achten selten auf Zaunpfähle). Dann passiert etwas, und Mädchen werden zur allerinteressantesten Energie auf diesem Planeten – aber natürlich, je mehr man sich ihnen nähert und je mehr man sie verehrt, umso mehr bleiben sie Wesen von einem andern Stern und unverständlich: aber jetzt sind das echte Qualitäten, es sind Intensitäten von einer Ordnung, die die einfachen Jungs-Ordnungen eines Jungen einer Revision unterziehen und seine zerstreuten Erregungen in eine einzigartige Leidenschaft verwandeln.

So war das für mich mit der Poesie. Ich konnte sie nicht ausstehen.

[Das Gespräch mit Robert Kelly, aus dem Mütze #12 einen Auszug bringt, steht im amerikanischen Original auf der Webseite von Robert: www.rk-ology.com, hier: http://www.rk-ology.com/Modern_Review_Interview.php; das Gedicht „Doors“, übersetzt von Urs Engeler und gleichfalls Teil von Mütze #12, findet sich im amerikanischen Original im Heft 50 der von Jean Stein herausgegebenen Zeitschrift Grand Street.]

Jean-Michel Rabaté / Pathosformel des Phantoms

Koshkonong Rabaté

Eines der perversen Vergnügen, die mir der regelmäßige Besuch des Philadelphia Museum of Art bietet, ist das Flanieren im großen Duchampsaal, wo ich beobachte, wie stark Das Große Glas bereits beschädigt ist …

[Der Text von Jean-Michel Rabaté, für Mütze #12 übersetzt von Urs Engeler, erschien zuerst in der von Jean Daive herausgegebenen Zeitschrift K·O·S·H·K·O·N·O·N·G· im Verlag von Eric Pesty.]