Simone Kornappel / 3 Gedichte

Kornappel

Simone Kornappels Gedichte “brauchen”, schreibt sie mir, “immer zwei „trigger“, zeilen aus fremden gedichten, die dann keine pastiche, sondern eine ganz neue szenerie generieren sollen, also einen eigenen text forcieren.” Ihr erster Gedichtband soll im Herbst bei luxbooks erscheinen. Simone Kornappel gibt ausserdem die Zeitschrift [randnummer] mit heraus und ist seit 2012 verantwortlich für die website lyrikritik.

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Pierre Guyotat / Grabmal für fünfhunderttausend Soldaten, aus dem Französischen übersetzt von Holger Fock

Guyotat

Ein Werk, ein Kontinent ist zu entdecken: Pierre Guyotat. Bis auf eine kleine Übersetzung bei Matthes & Seitz (in: Ich gestatte mir die Revolte, herausgegeben von Bernd Mattheus und Axel Matthes) ist bisher nichts auf Deutsch erschienen, was umso erstaunlicher ist, wenn man bedenkt, wie gerne deutsche Verleger sich in Frankreich umsahen (zumindest in den 60er und 70er-Jahren) und welcher Klang der Name Guyotat in Frankreich hatte und hat. Guyotats Buch “Eden Eden Eden” von 1970 wurde sofort nach Erscheinen verboten und kam erst 1981 wieder frei, nachdem sich zuvor zahlreiche Künstler und Autoren (unter ihnen Pier Paolo Pasolini, Jean-Paul Sartre, Pierre Boulez, Joseph Beuys, Jean Genet, Michel Foucault, Jacques Derrida, Roland Barthes, Michel Leiris, Philippe Sollers, Maurice Blanchot, Max Ernst, Italo Calvino, Simone de Beauvoir, Nathalie Sarraute…) in einer öffentlichen Petition dafür eingesetzt hatten. Sein Werk ist von einer monumentalen Kraft und Intensität, und es wird mit den Jahren immer differenzierter und vielfältiger. Etwa in der Halbzeit von Urs Engeler Editor begann ich mich nach Prosaautoren umzusehen, um der Falle zu entgehen, die der Buchhandel mit Gedichten verwechselte. Dass das Buch, mit dem ich den Durchbruch wagen wollte, die 500 Seiten dichtester Blocksatz mit dem Titel “Tombeau pour cinq cent mille soldats”, nach meinem Rechtekauf bei Gallimard sich dann auf einer Leseliste wiederfand, die die hundert wichtigsten Gedichtbände der französischen Gegewartspoesie versammelt (cent titres – à l’usage des bibliothécaires, libraires & amateurs, das PDF gibt es dort zum runterladen) scheint mir eine Ironie zu sein, die eines Poesieverlages würdig ist. Ein paar Jahre vergingen mit der Suche nach einem geeigneten Übersetzer (einer, der mir damals geeignet erschien, Jürg Laederach, lehnte ab mit der Bemerkung, “ein Mann kann nicht ein paar Jahre seines Lebens mit der Nase am Arschloch eines andern Mannes verbringen”), bis mich Anne Weber auf Holger Fock aufmerksam machte, der ein paar Jahre zuvor bereits erfolglos nach einem Verleger für Pierre Guyotat gesucht hatte. Dass seine Übersetzung nun im Frühjahr 2013 bei Diaphanes erscheinen wird, gehört zu den vielen Umwegen auf Guyotats Weg in die deutsche Sprache. Ich bin sicher, er wird dort eines Tages ankommen. Auf dem Weg dorthin schätze ich mich glücklich, ihn und sein Werk ein paar Schritte lang durch diese erste Veröffentlichung aus Holger Focks Übersetzung und durch weitere, für die nächsten Mützen geplante Beiträge zu begleiten.

Tim Turnbull / Sieben Gedichte, aus dem Englischen übersetzt von Dagmara Kraus

Turnbull

Das erste roughbook brachte das Gesamtwerk des Meisters der Kettensäge und des wohlgesetzten Verses, die erste Mütze bringt sieben neue Gedichte von Tim Turnbull: Gedichte zur Hellsichtigkeit und zum Ennui, zu Schlagzeilen und zum Sündenfall, zu historischen und aktuellen Gestalten des englischen Pandämoniums, im Original (aus Caligula on Ice and Other Poems) und übersetzt von Dagmara Kraus. Tim Turnbull lebt in Schottland, wo er an seinem ersten Roman schreibt. Dagmara Kraus hat dieses Frühjahr bei kookbooks ihren ersten Gedichtband veröffentlicht und Übersetzungen von Miron Białoszewski bei Reinecke&Voss.

Werner Hamacher / Brouillon zu einer Phantasie über Sprache und Feuer. Für Jean Daive

Daive

Werner Hamacher schreibt in seiner grossen, freien und gebundenen, Jean Daives Buch “Le grand incendie de l’homme” verbundenen Improvisation “Brouillon zu einer Phantasie über Sprache und Feuer” für den Reim als Methode der Verlebendigung. Sein Aufsatz erschien zuerst in einer französischen Übersetzung im “cahier critique de poésie” des centre international de poésie Marseille, das Jean Daive zur Zeit präsidiert. Werner Hamacher, der an der Universität Frankfurt am Main das Institut für Allgemeine und vergleichende Literaturwissenschaft leitet, hat von Jean Daive “Die Erzählung des Gleichgewichts 4 – W” übersetzt.

Mütze #1

Muetze1_inhalt

Wie sagt sich, wie schreibt es sich, Feuer: Das ist der erste Satz der ersten Mütze. Er ist der erste von mehreren Anfängen. Ein anderer erster Satz ist: „Der Ring gehört der Königin der Nacht, ich habe ihn gestern Abend an ihrem Finger gesehen, als sie und der Führer bei Mondschein die Äpfel im Obstgarten kosteten.“ Der dritte erste Satz ist: Soviel zur Sinnlichkeit. Das sind die Ringe, Kreise, Schlaufen, Wiederholungen. Wie sagt sich, wie schreibt es sich: Das ist der Fahrplan, der Fürplan der Mütze. Für Verbindung. Für Fortsetzung. Für Übersetzung. Für Vermittlung. Für Für. Für Jean Daive. Für Werner Hamacher. Für Tim Turnbull. Für Dagmara Kraus. Für Pierre Guyotat. Für Holger Fock. Für Simone Kornappel. Für William Faulkner. Für Günter Plessow. Für Inhalt. Für Index. Für Sprache. Für Feuer. Für Brandung. Für Paarung. Für Reim.

Mütze #1

Wie sagt sich, wie schreibt es sich, Feuer: Das ist der erste Satz der ersten Mütze. Er ist der erste von mehreren Anfängen. Ein anderer erster Satz ist: „Der Ring gehört der Königin der Nacht, ich habe ihn gestern Abend an ihrem Finger gesehen, als sie und der Führer bei Mondschein die Äpfel im Obstgarten kosteten.“ Der dritte erste Satz ist: Soviel zur Sinnlichkeit. Das sind die Ringe, Kreise, Schlaufen, Wiederholungen. Wie sagt sich, wie schreibt es sich: Das ist der Fahrplan, der Fürplan der Mütze. Für Verbindung. Für Fortsetzung. Für Übersetzung. Für Vermittlung. Für Für. Für Jean Daive. Für Werner Hamacher. Für Tim Turnbull. Für Dagmara Kraus. Für Pierre Guyotat. Für Holger Fock. Für Simone Kornappel. Für William Faulkner. Für Günter Plessow. Für Inhalt. Für Index. Für Sprache. Für Feuer. Für Brandung. Für Paarung. Für Reim.