Jonis Hartmann und Michael Braun besprechen Mütze #19

Fast hätte ich selber vergessen, auf das (wenn Sie meine eigene Meinung interessiert: sehr gelungene) Heft #19 hinzuweisen (das noch im Dezember erschienen ist), und das kann ich jetzt zum Glück nachholen mit zwei Besprechungen: Jonis Hartmann tut sich in seiner Besprechung für fixpoetry noch immer recht schwer mit Svein Jarvoll, dem dagegen Michael Braun in seiner Zeitschriftenlese für den Saarländischen Rundfunk viel abgewinnen kann:

In dem von Matthias Friedrich exzellent übersetzten Monolog von Jarvoll geht es um eine Art Wahrnehmungsekstase. Der Ich-Erzähler rekonstruiert einen Akt der schöpferischen Zerstörung: Als Neunzehnjähriger hat dieser Erzähler seinen gesamten Bücherbestand verbrannt. Dieser Zerstörungsakt wird aber zugleich als Öffnung der Sinne beschrieben, als Erweiterung des Bewusstseins, das den Blick auf sämtliche Phänomene der Natur zu einer überwältigenden Erfahrung werden lässt.

Auch von Eleonore Freys Text zum Sterben zeigt sich Michael Braun berührter:

Das aktuelle Heft 19 der „Mütze“ präsentiert einige fabelhafte Texte vom „Zauber der Dichtung“, wie ihn etwa die Schweizer Schriftstellerin Eleonore Frey in ihrer faszinierenden Beschwörung einer ästhetischen „Zwischenwelt“ an der Grenze von Leben und Tod evoziert. Freys Text taucht ein in die Sphäre der Kunst, in eine eben noch das Dasein erfüllende Bücherwelt, die durch das fortschreitende Alter und die damit verbundene Erfahrung der eigenen Schwäche sich langsam aufzulösen beginnt. Es geht um das „Hinübersegeln“ in einen anderen Zustand, um den langsamen Verlust der Glückserfahrung: „Nur die sanghaft rhythmisierte Sprache der Dichtung“, so Eleonore Frey, „kann derart als Musik auf uns wirken, dass wir in der von ihr heraufbeschworenen Welt selig aufzugehen glauben und in eine Art von Schwebezustand geraten, der so lange dauert, als uns der Zauber der Dichtung zu tragen vermag.“

Beide stimmen aber in ihrem Kommentar zu Dagmara Kraus Gedichten überein:

Wie durch kunstvoll geformte Literatur dieser Schwebezustand generiert werden kann, demonstrieren in der „Mütze“ die großartigen Texte der polyglotten Dichterin Dagmara Kraus …

schreibt Michael Braun, und Joris Hartmann schliesst mit:

Den Abschluss macht das vorzügliche sprach-politische Gedicht deutschyzno moja von Dagmara Kraus selbst. Hier „stehen millionen flüchtige wörter an der grenze“, mischen sich die Sprachen, Dialekte und Termini. Zwischen UMFwörtern und futura und einem Abgang auf der letzten Seite zeigt sich Kraus als innovativ-kunstvolle Dichterin, die inhaltsstark, drängende Sprachwelten und Sprachschicksale erzeugt. (Tragi-) Komisch und aktuell. Ein vorzüglicher Abschluss einer in weiten Teilen melancholischen Mütze.

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Jonis Hartmann bespricht Mütze #18

 

Auf fixpoetry, wo denn sonst:

Mütze Nummer 18 versammelt drei spannende längere Prosatexte, sowie den dritten und letzten Teil des äußerst lesenswerten großen Robert Kelly Interviews. Den Anfang bildet ein Text von H.D., Texte zum Film 1 / Schönheit, was nach einer sich über weitere Mützen erstreckenden Angelegenheit aussieht. H.D., die als Hilda Doolittle geboren, eine der interessantesten Autorinnen ihrer Generation ist und eine lange Zeit ihres Dichterin- und Übersetzerinlebens in der Schweiz verbracht hat, schreibt früh in der Zeitschrift „Close Up. A Quarterly devoted to the Art of Films“ (1927-1933, Territet bei Montreux) über ihre Stummfilmbegegnungen mit Schauspielkünstlerinnen wie Greta Garbo, Lilian Gish, Gloria Swanson oder Lya de Putti. Dabei war es das Anliegen der Zeitschrift, die noch junge, kaum 20 Jahre alte Gattung des bewegten Bildes gegen alle Traditionalismen hinweg zur Kunstform zu erheben. H.D. als Anwältin dieses Impetus schreibt in phantasievoller Berichterstattung und in frei kombinierend-assoziativem Stil von der Schönheit auf der Leinwand, den Ogern der Zensur, Tintoretto und den Verbindungen zur griechischen Mythologie, deren originalsprachlicher Übersetzung sich H.D. vom Griechischen ins Englische zeitlebens gewidmet hat. Der Text wirkt zeitlos, hat trotz des Kolorits durch die Filme und ihre beteiligten Namen der späten 20er eine freigeistige offene Ebene, die über das gewählte Thema hinausreicht. Eine Reflektion über den Schönheitsbegriff und ihren Import/ Export.

„Schönheit ist dazu gemacht, fortzudauern, im Menschen, in der Blüte, im Herzen, im Geist. Jene Flamme, den hochgestochenen Verleumdern zum Trotz, existiert genau im Zentrum, mitten im Herzen der Menge. Das Geschäft des Ogers, des Zensors ist es, eine Schlange als ein Ei auszugeben, einen Stein als Brot. Die Pflicht jedes ernsthaften Intellektuellen ist es, auf ein besseres Verständnis für das Kino hinzuarbeiten, den Boden zu bereiten, um diese superbe Kunst aus den Fesseln der Konvention zu befreien. Mit anderen Worten, Perseus und die angekettete Jungfrau. Beziehungsweise der heilige Georg und der Totemdrache. So oder so ist es uns aufgegeben, sie so rasch wir können zu retten, diese gefangene Unschuld (momentan verkörpert in dieser Greta Garbo), in hauchzarten, quälenden Schleiern aus Licht und Schatten, schweifend auf eine photogene Art und Weise, die Leonardo bewundert und der Tintoretto Beifall bezeugt hätte. Greta Garbo gab mir, seit ich sie zum ersten Mal sah, einen Schlüssel, einen neuen Blick und ein neues Hochgefühl. Dies ist Schönheit, und dies ist eine schöne junge Frau, die ohne alle Exaltiertheit verletzlich, dennoch unverletzt durch eine zerstörte Stadt geht.“

In Birgit Kempkers Text Wann ist eine Figur lebenswert? erläutert die Autorin in einer Mischung aus Statements beziehungsweise Ratschlägen, Bekenntnis und Selbstgespräch das schwierige Verhältnis zwischen Bindung und Bühne, Präsentation und Selbstbetroffenheit. Ähnlich wie H.D. nimmt sich der Text alle Freiheiten, die er braucht. Schwenkt herum, zwischen Information und Narration und Schlussfolgerungen, fügt sich dem Medium Radio/ Hörspiel an mit seinen Fragestellungen, geht aber eben doch weit darüber hinaus – in Umkehrung einer uralten Textfrage.

„Wenn sie sich für meine Auslöschung interessiert, diese Figur, oder wenn sie autistisch ist und sich für überhaupt niemanden interessiert, dann Problem. Du hast dann ein Problem, ich nicht. Denn ich stelle dich ab und aus und weg bist du. Wenn ich mich für eine solche Figur interessiere, für die ich nicht existiere, dann könnte ich auch bald nicht existieren. Ich könnte das wollen. Natürlich. Das Nichtexistieren ist ansteckend. Ein melancholischer Ansatz. Ein meditativer. Ein suizidaler. Ein Mensch bin ich, der weiß, dass ich sterblich bin, aber so nicht. Ich will nicht aus Langeweile am Radio sterben. Hörst du? Du hörst mich ja nicht, wie kann ich dann wollen, dass dich andere Menschen hören, wenn sie das Radio anstellen?“

Es folgt eine ausufernde, auch im syntaktischen Sinne, Analyse von Thomas Schestag mit dem Titel Ich werfe Lettern aufs Papier, um einen Brief zu schreiben. Der Literaturwissenschaftler Schestag setzt die essayistische Prosa der ersten Beiträge der Mütze Nummer 18 fort und erläutert die Frage des Besitzes der Literatur an Briefen oder des Vorgangs der Literaturwerdung von Briefen anhand solch unterschiedlicher Beispiele wie Mary Wollstonecraft und ihrer Tochter Mary Shelley, Franz Kafka oder Horaz. Dabei kommen die disparatesten Dinge zusammen, werden manifest durch Einschreibung, vererben sich selbständig weiter und tauchen an ungeahnter Stelle wieder auf. Schestag arbeitet mit einem Kosmos an Wissen und Querverweisen, es gibt einen Handapparat am Ende des Textes, und sein Beitrag hält eine grandiose Klammer aus Erzählung, Volte und Orten, als ob sein Text selbst ein amorphes Wesen wäre, das zu greifen (in alle Richtungen, Zeiten oder Stile) imstande ist. Ein außergewöhnlicher Beitrag.

Den Abschluss dieser großartigen Ausgabe der Mütze macht jener angesprochene letze Teil des Interviews mit Robert Kelly, in dem der vielschreibende, kluge Kelly Urs Engeler selbst Rede und Antwort steht. Er vermittelt die Ruhe und Ausgeglichenheit eines weiterfahrenen Geistes, dem seine Neugier und Begeisterungsfähigkeit dennoch kein Stück abhanden gekommen ist. Er sagt:

„Sei vorsichtig, was du aufschreibst. Es wird zum Beweis. Eines der Probleme – persönlich, politisch, moralisch, theologisch –, ein Dichter zu sein, ist also, verantwortlich, rechtlich verantwortlich zu sein für das, was das Gedicht seinen Lesern sagt und mit ihnen auf seiner Reise macht, und sich dennoch davon zu befreien, am Text festzuhalten. Der Ozean der Bedeutung wird zu oft zum akademischen Vogelbad. Ich nehme an, kleine Vögel müssen sauber sein.

Erst wenn ich das Gedicht laut vorlese, in der Gegenwart von Fremden, beginne ich zu erkennen, was es ist und wie es funktioniert. […] Wenn ich Filmemacher wäre, würde ich das öffentliche Lesen die Post-Produktionsphase der Arbeit nennen. Wenn ich vorlese, lerne ich so viel, ich bin aufmerksam (nach all den Jahren von Erfahrung) auf die Stimmung des Publikums, dem Ausdruck auf diesem einen Gesicht, wer auch immer das sein mag, und den oder die ich öfter anzustarren beginne, während ich lese, ich nehme ihre oder seine Reaktion treuhänderisch wahr, als eine Seemarkierung für meine Reise.

Ich habe keine Pläne, ich habe Wünsche. Klarer kann ich es nicht sagen.“

Jonis Hartmann bespricht Mütze #17

Die lange und detaillierte Besprechung findet sich hier auf fixpoetry.

Besonders interessant fand ich folgende Passagen:

In Marius Daniel Popescus Zyklus Der Fliegenfotograf, übersetzt von Alexandru Bulucz und Marcus Roloff, wird eine erstaunliche Klammer auf (und wieder zugemacht), mit listenartigen Gedichten, die sich in Essensaufzählungen ergehen, eine bedrohliche Harmlosigkeit spielen, um dann in kürzeren eingeklammerten Gedichten die volle Palette einer durchdringenden Bedrohung aufzumachen. Schule, Anstalten, Bahnhöfe, allgegenwärtige Kontrolle spiegeln eine fast totalitäre Atmosphäre, in der Popescu Themenschlösser aufzählt, freirhythmische Politik vs oder in Poesie einstreut und gestaltet, nicht ohne beißenden Humor.

Den Abschluss macht ein geheimnisvoller Prosatext von Jude Stéfan mit dem Titel Die beiden Schwestern. Von Kurt Aebli übersetzt, wirkt er wie eine semi-dokumentarische Dekonstruktion eines existenzialistischen Tschechow ohne Speck. Die beiden Schwestern sind selbstgewählte Außenstehende, unkonventionell. Sie „wollen nicht dick werden“. Sätze wie „Die beiden Schwestern waren beim Orgelkonzert“ sagen viel und nichts zugleich. Ein schöner Abschluss, der sich Wertigkeiten und Weisheiten, aber auch Wagnissen gekonnt entzieht.

 

Mützen #17 und #18 sind da

Der Sommer brachte reiche Saat, deren Ernte im Herbst eingefahren wird, weshalb auch gleich zwei Hefte erschienen sind, Ende September Heft 17 und Anfang Oktober Heft 18, mit Gedichten von Svein Jarvoll, Marius Daniel Popescu, Konstantin Ames und John Ashbery und einigem an Prosa: Birgit Kempker fragt uns, wann wir eine literarische Figur lebens- und lesenswert finden; H.D. antwortet, welche Gestalt ihr in den Filmen ihrer Zeit sehenswert erschien; Thomas Schestag schaut nach dem aus, was im Rücken des Schreibers und Schreibens vor sich geht; Kurt Aebli übersetzt eine der wunderbar aus der Zeit gefallenen Erzählungen von Jude Stéfan; und Christian Steinbacher nutzt die Differenzen zweier Übersetzungen zum Ausscheren. Ein Schwerpunkt gilt Mara Genschel, die heuer mit dem Förderpreis zum Heimrad-Bäcker-Preis ausgezeichnet wurde: neben der Laudatio von Christian Steinbacher bringt Mütze die autofiktive Dankesrede der Preisträgerin. Michael Braun hat in seiner Zeitschriftenlese bereits auf die neuen Mützen und auf Mara Genschel hingewiesen:

Der Kritiker als überempfindliche Mimose und der Dichter als unendlich geduldiger Knecht, der die Züchtigung des Kritikers über sich ergehen lässt – auch das sind Konstellationen, die der aktuelle Literaturbetrieb kennt. Wie man sich eine forcierte Außenseiter-Position im meist konfliktscheuen Literaturbetrieb erhalten kann, lässt sich auch am Beispiel der eigensinnigen Dichterin und Poesie-Performerin Mara Genschel zeigen, die immer sehr unorthodoxe Darbietungsformen für ihre Texte wählt. Ihr jüngstes Projekt mit dem Titel „Cute Gedanken“, das heiter-schräge Protokoll eines Stipendienaufenthalts im amerikanischen Iowa, ist gewissermaßen aus der Zusammenarbeit eines registrierenden Tagebuch-Ichs und der Korrekturfunktion eines amerikanischen Mobiltelefons entstanden. Genschels Autorinnen-Ich notierte Überlegungen zu ihrem Aufenthalt in ihr amerikanisches Handy – und das Gerät verwandelte dank der rustikalen Korrekturfunktion die Aufzeichnungen in ein bizarres Brockenamerikanisch bzw Brockendeutsch. Der Eintrag „Ich bin einer von euch“ mutiert dann zu „Ich bin diner / von such“. Bei einer Lyriknacht in Stuttgart vermochte es Genschel, durch eine bizarre Live-Übersetzung des eigenwilligen Brockenamerikanisch die Zuhörer auf die Palme zu bringen. Der schlimmste Feind dieser Autorin ist eine biedere Literaturfrömmigkeit, der man erhabene Botschaften ablauschen will. Was für Genschel „Erhabenheit“ bedeutet, erklärt in der sehr erfrischenden Nummer 17 der Literaturzeitschrift „Mütze“ der Dichter Christian Steinbacher. In seiner Laudatio auf Genschel dechiffriert Steinbacher einige Verfahrensweisen der auf ästhetische Renitenz abonnierten Autorin. Ein Genschel-Text mit dem Titel „ERHABENES“, findet sich zum Beispiel in ihrem in mehreren Lieferungen erschienenen Lyrikheft „Referenzflächen“, das Genschel in geringer Auflage im Self-Publishing-Modus anbietet – und das zur Zeit nur als Leihgabe zu haben ist. Die Gedichte werden hier alle einem Verfahren der Überschreibung, Durchstreichung oder Überklebung unterzogen. Beim Text „ERHABENES“ werden zum Beispiel auf zwei gegenüberliegenden weißen Seiten zwei Tesafilm—Streifen platziert, jeder Streifen in sich so zusammengeschoben, dass eine Faltung entsteht. Im Durchstreichen und Überkleben poetischer Notate manifestiere sich eben – so der Genschel-Exeget Steinbacher – eine große „Freude an Schieflagen“. Solche postavantgardistischen Einübungen in die Herstellung ästhetischer Abweichungen und „Schieflagen“ gehört zum Erkenntnisvergnügen des „Mütze“-Herausgebers Urs Engeler. Im aktuellen Heft 18 der „Mütze“ präsentiert er ein fantastisches Interview mit dem amerikanischen Lyriker Robert Kelly, der in unglaublich geschliffenen Sentenzen das Erkenntnisglück beim Herstellen von Gedichten beschreibt. In Heft 17 sind auch grandiose minimalistische Maximen von Kelly zu lesen, die durch Lakonie überzeugen. Etwa die Maxime Nr. 198: „Schönheit ist eine Frage, die keine Antwort braucht.“ Oder die superkurze Poetik der Nr. 199: „Ein Gedicht ist ein kleines Ding, das viel Zeit braucht.“ Diese Zeit werden wir uns mit Hilfe von Zeitschriften weiter gönnen.

Michael Brauns Zeitschriftenlese findet sich hier, und die neusten Mützen können hier bestellt werden: http://muetze.me/muetze-bestellen.html.

Jonis Hartmann bespricht Mütze #16

Robert Kelly („ein Meister der Mischung von poetischem und prosaischem Sprechen“) und Jerome Rothenberg („von [Norbert] Lange interessant ins Deutsche gezogen (beide Sprachen sind abgedruckt) kommt es zu abgedrehten Wildnis- und Indianer- und vor allem Cowboy-Dekonstruktionen“) gefallen Jonis Hartmann, Svein Jarvoll dagegen gar nicht, der Romanauszug „entpuppt sich als ein selbstgerechter und an nerdiger Horizontreproduktion kaum zu überbietender Monolog eines „belgischen Wortalchemisten“ namens Frimpegg, der eigentlich eine absatzlose Liste aus Sätzen ist, die nervig zu lesen und ohne jeglichen Mehrwert tausend und ein Ding aus Sprache und Fundstück, Geographien, Philosophemen und Schwänzen zusammendengelt. Möglicherweise will Jarvoll genau das zeigen: das vergebliche Trauerwalten einer jeglichen Alchemie. Ok. Aber derart kontextlos macht der Text lediglich wütend.“ 

Die ganze Besprechung bei fixpoetry – und Kontext von und zu Svein Jarvoll in den nächsten „Mützen“.

Svein Jarvoll / Eine Australienreise, Kapitel 1

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„Einer der wenigen, die mich in dem Haus besuchten, das ich für zwei Wintermonate in einem Dorf dicht unterhalb der Berge in der Provinz Valencia gemietet hatte, war Samuel Grambaro Flimpegg, ein belgischer Alchemist, der seine abstruse Wissenschaft zu rein verbalen Prozessen destilliert hatte, deren einziger Zweck, soweit ich erkennen konnte, darin bestand, eine allzu fassbare Wirklichkeit in dunkle Schleier aus Wörtern, Wörtern, Wörtern zu hüllen.“

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Mütze #16 ist da

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Die Herzstücke des Heftes bilden drei lange Gedichte von Jerome Rothenberg, die Norbert Lange aus „Poland/1931“ ausgewählt und übersetzt hat, und der Anfang von Svein Jarvolls sprachmächtiger Reise zu den Antipoden, übersetzt von Matthias Friedrich. Das Heft bringt außerdem die von Robert Kelly Martin Traubenritter zugeschriebenen „Gewissheiten“ sowie den dritten Teil des langen Interviews mit Kelly, in dem dieser sich tief in seine Lektürelisten blicken lässt. Bestellungen nimmt gerne entgegen urs@engeler.de oder https://muetze.me/muetze-bestellen.html.

Timo Brandt bespricht die Mützen #13 und #14

In seiner langen Besprechung auf fixpoetry kommt Timo Brandt zum Fazit:

Die Kontinuität (die sich u.a. auch zeigt im Aufgreifen der Beiträge der vorherigen Ausgaben, dem Dialog der Beiträge) scheint in der „Mütze“ eine wichtige Sache zu sein. Poesie – Poetik, das beides wird hier großgeschrieben und sehr gleichberechtigt nebeneinandergestellt. Zumindest mir geht da das Herz auf und Entzücken stellt sich ein. Bei der Mütze auf dem Laufenden zu bleiben, wird sich glaube ich lohnen.

Hier die ganze Besprechung.

Michael Braun bespricht Mütze #14

Im Rahmen seiner Zeitschriftenbesprechung (dieses Mal über die neuen Hefte von „Sinn und Form“, „Park“, „Die Wiederholung“ und „Die Rampe“) für den Saarländischen Rundfunk schreibt Michael Braun über Rainer René Mueller:

… und Elke Erb riskiert in diesem Zusammenhang eine gewagte Definition: „Poesie ist schlichthin Glück.“ Das neue „Park“-Heft veröffentlicht auch Hans Thills schöne Laudatio auf einen poetischen Solitär und Hermetiker, der zwei Jahrzehnte lang an der Armutsgrenze lebte, vergessen vom Literaturbetrieb. Es geht um Rainer René Mueller, in dessen „Lieddeutsch“ sich verschiedene Sprachschichten mischen: das Mittelhochdeutsch der Minnelyrik, das Jiddische, französische Brocken und eine in die Tiefen der deutschen Barbarei führende, extrem verdichtete Sprache der Wortreste in zersplitterter Syntax. Muellers Dichtung, so Hans Thill, ist eine „finstere Materialkunde“, in der die Geschichte des Holocaust in schmerzhaften Fügungen aufblitzt.
 Um Rainer René Mueller hat sich auch der Schweizer Lyrik-Editor Urs Engeler verdient gemacht, der nun in der aktuellen Nummer 14 seiner Zeitschrift „Mütze“ eine mikroskopische Einzelbetrachtung eines Gedichts von Rainer René Mueller vorlegt. Die Literaturwissenschaftlerin Chiara Caradonna hat sich hier über Muellers Gedicht „Rißvernähung: Oxygène“ gebeugt, den Text in seiner Zeichenstruktur genauestens untersucht und jedes Bilddetail entziffert. Dieser philologischen Feinmechanik verdanken wir einige schöne Einsichten – etwa den Hinweis auf Kafkas und Muellers Adaption des Mythos vom Gesang der Sirenen. Nach Homers „Odyssee“ und anderen antiken Erzählungen schlugen die Sirenen durch ihren betörenden Gesang vorbeifahrende Schiffsleute in Bann, um sie dann zu töten. Bei Kafka und auch bei Rainer René Mueller finden wir die paradoxe Pointe, das Schweigen der Sirenen sei eine „noch schrecklichere Waffe als ihr Gesang“.

Die ganze Besprechung zu den oben erwähnten neuen Heften ist on line im Poetenladen nachzulesen: http://poetenladen.de/michael-braun-zeitschriftenlese-februar17.htm

Neue und ältere „Mützen“ können hier bestellt werden: https://muetze.me/muetze-bestellen.html